Freitag, 10. April 2009

Peter Müller (Bremerhaven): Kommissar Kammeiers 9. Fall- Absinth

Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen  Personen ist rein zufällig.

Personenregister:
Charly Kammeier, Kommissar
Maria Kammeier, Ehefrau
Simone Schwarzkopf, Kommissarin
Klaus Engelhardt, Kripo
Hein Wind
Oswald Plessner
Klaus Wind
Günter Jakubowski
Ingrid Müller
Detlef Böhm
Werner Bock
Biggi Bock
Otto Lehmann
Willi Penschel, Kloppenburg-Werft


1. Kapitel
Grau in Grau lag Vandenburg unter einer Wolkendecke ohnegleichen. Für diesen Tag hatten sie Temperaturen um Null Grad Celsius, eisigen Wind und keine Sonne angesagt. Als Charly Kammeier am Samstagmorgen des 17. Januar aus dem Fenster schaute, fröstelte ihn und  er fand das Wetter deprimierend. Für den Nachmittag sollte es sogar Regen geben. Gott, dachte er, was für eine verdammte Scheiße. Im Internet musste er lesen, dass Israel angeblich eine einseitige Waffenruhe für den Ghaza-Streifen verkünden wolle, um zu verhindern, dass es zu einem Vertrag mit den Hamas komme. Ja, dachte er, bis zur ersten Rakete der Hamas, und musste über die neue List der Israelis lächeln. Er weckte seine Frau Maria liebevoll, die mit einer starken Erkältung im Bett lag. Nachdem er im Esszimmer gedeckt hatte, drehte er die Stereo-Anlage lauter und erfreute sich an einem alten italienischen Schlager.

 

2. Kapitel
Vandenburg Mitte der 50er Jahre. Hein Wind war an diesem kalten Wintermorgen mit seinem Fahrrad im Fischereihafen von Vandenburg unterwegs. Der Weg führte ihn am Deich entlang, wo ein Trecker die Drahtseile auf der Straße lang zog. Als er auf dem Hof der Reederei NORDMEER ankam, begrüßte ihn einer der Löscher vom Fischdampfer.
„Moin Hein, wie geht’s?“
„Muss muss, und wie geht’s Dir, Hannes?“
„Wir haben grade gelöscht, willst Du noch ein Fass Matjes und eine Flasche Lebertran  für Deine  Familie Zuhause mitnehmen?“
Hein Wind lachte, er dachte an seine Frau und seine Kinder. Es waren schlechte Zeiten, das Geld war knapp, und sie konnten jedes Zubrot gebrauchen.  Hein Wind schob sein schwarzes Fahrrad über den Hof. Dort lag einer der Fischdampfer seiner Reederei. „Gustav Dahrendorf“ stand an der Bordwand. Sein rechtes  Bein schmerzte ihn wieder. Er dachte an den Krieg und an seine Kriegsverletzungen. Scheißkrieg dachte er. Nicht dran denken und nach vorne gucken. Aber die Erinnerungen an den Krieg in Russland und Frankreich verfolgten ihn, vor allem nachts.
Sie waren gerade dabei, das hölzerne Fass auf seinem Fahrradgepäckträger zu befestigen, als Oswald Plessner aus dem Bürohaus kam.
Hein Wind und Oswald Plessner unterhielten sich eine ganze Weile, gemeinsam schimpften sie auf die verdammten korrupten Gewerkschaftsvertreter da oben. Sie schimpften auf die Genossenschaft, auf die Partei und die Verfilzung mit der Gewerkschaft. Sie schworen sich, eines Tages eine ganz große Sache gegen Verfilzung und Korruption zu machen.
Der kalte Wind hatte noch zugelegt. An der Kaje lag ein großer Berg mit Eis. Ein Kran war dabei, Kohle in den Seitenfänger zu laden.
Hein Wind arbeitete im Lohnbüro der Reederei NORDMEER. Aber an diesem Samstag war er privat im Fischereihafen unterwegs. Als Hein Wind gegen Mittag wieder bei kaltem  Wetter auf seinem Fahrrad nach Hause kam, freute sich seine Frau Gerda, ihn zu sehen. Später erzählte er von seinen Begegnungen, schimpfte auf die Partei, auf die Gewerkschaft und warf ihnen Korruption vor. Hein Wind hasste Ungerechtigkeiten. Er beobachtete in der Reederei wie sich hier Leute breit machten, die er nicht mochte. Man versuchte ihn in die Gewerkschaft zu pressen, aber vergeblich. Das hätte ihn fast seinen Job gekostet. Hein Wind hatte nach dem Krieg die Schnauze voll von Politik. Später würde die Polizei behaupten, er hätte sich an diesem Morgen mit Oswald Plessner zu einem Treffen der illegalen KPD zusammen gefunden.


3. Kapitel
An diesem Montag regnete es fast den ganzen Tag in Vandenburg, jener Stadt in Platagonien, von der manche behaupten, sie sei wie eine virtuelle Schwester von Fischtown. Kommissar Kammeier war froh, dass sie den Mord an Wolfgang Brendel abgeschlossen hatten. Alles Gaggi oder was? meinte Simone Schwarzkopf zu ihm und grinste. Die Mitglieder der Mordkommission hatten den Montag mit Aufräumarbeiten verbracht.  Kriminalrat van Heukelum beauftragte Kammeier einen Bericht über den „Fall Gaggi“ zu erstellen. Und das hatte Kammeier getan.
Am Abend des 19. Januar saß der Kommissar mit seiner Frau Zuhause und sagte leise:
„Maria, stell Dir vor, morgen habe ich keine Termine. Wir haben im Moment keine aktuellen Mordfälle. Es herrscht Ruhe. Keine Überstunden, kein Stress.“
„Beschwöre es  nicht, sonst hört es jemand“, meinte lächelnd seine Frau. „Genieße es und sei still“.
Aber Kammeier wusste mehr. In einem merkwürdigen Ton meinte er zu seiner Frau:
„Die Bezirksregierung in Aldera hat mir eine dicke Akte zukommen lassen. Es sieht aus, als sollten wir einen alten Fall wieder aufrollen. Vielleicht hat ja noch jemand eine DNA von damals wiedergefunden, sowas liest man jetzt dauernd in der Zeitung.“
Maria war dabei, das Abendessen vorzubereiten. Aus der Küche rief sie:
„Vielleicht sollte sich mal jemand um die alten Leute in bestimmten  Pflegeheimen kümmern.“
„Maria, Du weißt doch, wir sind nur für Mord zuständig.“
Aber sie ließ nicht locker:
„Charly ich lese die Zeitung. Was da in einigen Pflegeheimen aufgrund von Profitgier, Finanzkürzungen und schlechter Pflegekontrolle abgeht, das ist ganz übel. Da wird eine alte Frau mit einem  Dekubitus, der zum Himmel schreit, ins Krankenhaus eingeliefert, und die Gesellschaft bestreitet alles. Und wenn einer das an die Öffentlichkeit bringt, kriegt er eine Strafanzeige.“
„Maria, Du hast ja Recht.“
Kammeier las die Zeitung. Die Israelis zogen aus Ghaza ab, wie es aussah. Er mochte es nicht glauben. Mit Freude dachte er daran, dass am nächsten Tag Barak Obama zum US-Präsident ernannt werden würde. Ein großer Tag.

 

4. Kapitel
Der 20. Januar war einer der größten Tage in Kommissar Kammeiers Leben. Es fühlte sich an, als habe Gott seinen Sohn auf die Erde geschickt. Es ging um die Amtseinführung des 44. US-Präsidenten,  Barak Obama. Kammeier war voller Vorfreude, und wenn er Barak sah, liefen ihm die Tränen herunter.  Früher hatten sie auf den US-Imperialismus geschimpft. Jetzt hoffte der Kommissar nur eines: dass diesem Präsidenten nicht das gleiche passierte wie Kennedy. Charly Kammeier verband mit diesem neuen Mann viele Hoffnungen und Sehnsüchte. Auch der 20. Januar war im Polizeibüro ein ruhiger Tag. Keine neuen Mordfälle. Aber dieser Dienstag war auch ein trauriger Tag, denn die Bickerwerft hatte zum dritten Mal Insolvenz angemeldet. 320 Arbeitsplätze standen auf der Kippe, und das in einer Stadt mit hohen Arbeitslosigkeit.
An diesem Dienstag gab sich Charly Kammeier einen Stoß und nahm die Vandenburger Akte aus dem Schreibtisch. Genau genommen handelte es sich um sieben DIN A4-Ordner, die in seinem Aktenregal standen. Er hatte sich nachmittags gegen 15 Uhr einen Kaffee in der Maschine gebrüht und versank dann völlig in das Studium dieses merkwürdigen Falles. Zwei Stunden später wachte er wieder auf wie aus einem Albtraum. Gott, dachte er, was für eine eigenartige Sache. Während des Lesens hatte er sich auf seinem DIN A5-Block Stichworte notiert: Kloppenburg-Werft, Konstruktionsbüro, Verwaltungsgebäude, Mord auf der Werft. Als Simone Schwarz gegen 17 Uhr von einem Außentermin wieder zurück kam, meinte sie neugierig:
„Na Charly, was macht der neue Fall? Schon etwas heraus bekommen?“
Kammeier sah sie völlig entrückt an und fragte dann zurück:
„Wie war es auf Deinem Hausbesuch?“
„Charly, lenk nicht ab.“ Sie blickte neugierig auf seinen Notizblock und meinte schelmisch:
„Aha, Mord auf der Kloppenburg-Werft.“
Herr Kammeier fühlte sich ertappt. Er hatte über diese Sache nicht reden wollen. Nun sah er sich gezwungen doch zu reden:
„Es hat im Jahr 1969  auf der Kloppenburg-Werft einen Mord  gegeben, der nie aufgeklärt wurde. Es gab damals Schlagzeilen, die die Werft nicht brauchen konnte. So hat man versucht, die Sache zu vertuschen.“
Simone Schwarzkopf runzelte die Stirn und fragte:
„Und wer war der große Geheimnisvolle, der ermordet wurde?“
„Es war Günter Jakubowski, Mitglied der Arbeiterpartei, und Vorsitzender des Betriebsrats.“
Simone schaute neugierig auf die Akte auf Kammeiers Tisch und meinte:
„Mein Gott, Charly das ist vierzig Jahre her. Glaubst Du denn, dass von den Leuten noch jemand lebt?“
„Das weiß ich nicht, aber ich kenne jemanden, der seine Lehre auf der Kloppenburg-Werft gemacht hat.“


5. Kapitel
Ende der 60er Jahren begann der Sohn von Hein Wind, Klaus, seine Lehre auf der Kloppenburg-Werft. Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Morgens fuhr er mit dem Fahrrad im kalten Wind zur Arbeit, und um 7.30 Uhr hatte er im Eingang des Verwaltungsgebäudes seine Karte abzustempeln. Ab dann war Kontrolle und Unterordnung angesagt.  Jetzt hatten andere zu bestimmen und er wurde ständig überwacht. Hier konnte man keinen Augenblick mehr alleine sein oder irgend etwas tun, ohne daß der Vorgesetzte es mit bekamen. In dem großen Konstruktionsbüro für Schiffbau arbeiteten zehn Diplom-Ingenieure, Ingenieure, Techniker und technische Zeichner. Hier wurden die Baupläne für das nächste Schiff entworfen. Chef der Abteilung war der arrogante Herr Penschel. Er hielt den Kopf stets lachend hoch, schien unangreifbar und herrisch.  Klaus hatte sein Buch in der Schublade, und manchmal verdrückte er sich auf die Toilette, um dort zu lesen. Aber das ging nicht lange gut, denn es wurde genau kontrolliert, wie lange jemand zur Toilette ging.
Klaus Wind konnte nicht sagen, dass er sich wohl fühlte. Einen Teil seiner  Ausbildung absolvierte er im Betrieb, in der Ausbildungswerkstatt und im Schiffbaubetrieb. Hier ging es anders zu. Wenn er morgens in den Personalraum kam, saßen schon die ersten Kollegen in ihren Blaumännern auf einer langen Bank, lasen die  „Bildzeitung“ und tranken Kaffee aus Thermosflaschen.
Manchmal wurde Klaus von einem seiner Vorgesetzten in den Betrieb geschickt. Helm aufsetzen. Dann konnte er einen langen Spaziergang unternehmen,  die Treppe hinunter und vorbei am Konstruktionsbüro für Maschinenbau über das Werftgelände.
Vorsichtig, da kam gerade ein Kran auf der Schiene entgegen.
An der Ausrüstungskaje lag der Neubau „Gerdt Oldendorff“, und gegenüber an der Kaje die Fähre „Stena Danica“. Im Baudock Ost entdeckte Klaus den unfertigen Thunfischfänger „Salamanca“. Die Autofähren waren zu diesem Zeitpunkt das besondere Geschäft der Kloppenburg-Werft. Klaus war tief beeindruckt, wenn er mitbekam, wie seine Kollegen um den Ausbau der Brücke stritten. Der Reeder hatte neue Wünsche geäußert.
Wenn ihn niemand sah, besuchte er auch schon mal die anderen Auszubildenden wie Reiner Brinkmann, Doris Schaffner oder Holger Martin drüben im Maschinenbau. Reiner kiffte gern, wovon Klaus gar nichts hielt.
Wenn er seine Grundausbildung in der Lehrwerkstatt zu absolvieren hatte, musste er den Haupteingang für die Arbeiter benutzen. Hier strömten schon früh morgens um 7 Uhr Hunderte durchs Tor. Als Klaus an diesem Morgen mit seinem Rad zur Arbeit kam, entdeckte er schon von weitem Detlef Böhm vor dem Werkstor stehend. Er verteilte die „Werft-Nachrichten“, die Betriebszeitung der KPD. Klaus kannte Detlef aus dem Außerparlamentarischen Arbeitskreis. Misstrauisch blickte oben aus dem Betriebsratsbüro der Kollege Jakubowski, Betriebsratsvorsitzender. Mit ihm hatte Klaus nach dem 1. Mai Ärger gehabt, weil er im Theater aus Protest gegen das Gerede auf der 1. Mai-Veranstaltung eine Papierschwalbe hatte fliegen lassen. Am nächsten Tag hatte ihn Jakubowski über seinen Vorgesetzten zu sich ins Büro ordern lassen und ihn zusammengefaltet. Günter Jakubowski hatte das in einem knarrenden Ton gesagt, der keine Widerrede duldete. Jakubowskis Ton war kränkend und herabsetzend gewesen. Klaus Wind war nicht dumm, er war sensibel  und  hatte ein gutes Gespür für andere Menschen. Aber die Art, wie Jakubowski mit ihm geredet hatte, war menschenverachtend gewesen. Klaus Wind dachte an Rache. Danach war Klaus noch schlechter auf die Arbeiterpartei zu sprechen gewesen. In der darauffolgenden Nacht träumte Klaus Wind, wie er Jakubowski eigenmächtig erwürgte. Als er aufwachte, war er erschrocken über seine Gedanken.


6. Kapitel
Im Laufe des 24. Januar kam die Sonne endlich gegen 10 Uhr heraus. Sie begann sich zu putzen und Charly Kammeier freute sich. Es konnte ein guter Tag werden. Maria sprach schon länger davon, dass sie ins Grüne ziehen wollte. Sie wünschte sich ein Haus mit Garten. Wobei die Betonung auf Grün und Garten lag. Charly Kammeier hatte das Problem lange ausgesessen, aber nun hatte ihm ein Kollege von der Bereitschaftspolizei ein Reihenhaus zum Mieten angeboten, und sie hatten beschlossen, sich dieses Haus anzuschauen. Wahrscheinlich würde es ihm sowieso nicht gefallen. Wahrscheinlich würde das Haus zu klein oder zu teuer sein. Aber er hatte guten Willen gezeigt. Die Hauptsache war nur, dass es Maria nicht gefiel, sonst hatte er ein Problem. Charly Kammeier dachte mit Grauen an die Mietsicherheiten,  die Umzugskosten, an die Anschaffung eines neuen Kleiderschrankes und vieles andere mehr.
Irgendwo in den Dungeons seines Unterbewusstseins beschäftigte sich der Kommissar mit dem Mord an dem Betriebsratsvorsitzenden Günter Jakubowski. Was war das für ein Mensch gewesen? Kammeier hatte sich die Akten mit nach Hause genommen, warum wusste er nicht.
An der Allee Nr. 7. Der Kommissar saß vertieft über Akten und Notizblock. Wie war das gewesen? Am Morgen des 15. Mai 1969 hatte man Günter Jakubowski tot aufgefunden. Günter Jakubowski war zu diesem Zeitpunkt 35 Jahre alt. Er hatte mit seiner Freundin Ingrid Müller in einem Mietshaus in  der Franz-Kafka-Straße 34 gewohnt. Wen hatte die Polizei damals verdächtigt? Warum hatte man die Verdächtigen wieder laufen lassen müssen? Und was war der Grund, warum die Bezirksregierung angeordnet hatte, diesen alten Fall wieder aufzurollen?
Der Kommissar hielt inne beim Studium. Er musste grinsen, weil ihm das Reihenhaus einfiel, welches sie morgens besichtigt hatten. Das Haus hatte Maria gefallen. Es hatte eine ruhige Lage, Maria lobte die gute Busanbindung.

 


7. Kapitel
Der 31. Januar war ein kalter und windiger Tag und Maria und Charly Kammeier waren im Norden von Vandenburg unterwegs gewesen auf der Suche nach einem Reihenhaus. Maria wünschte sich sehnsüchtig einen Garten. Als sie gegen 16.30 Uhr wieder ihrer schönen, großen Wohnung An der Allee ankamen, musste Kammeier gestehen, dass es in der Tat interessante Objekte gab.

 

Gott, dachte Kammeier, als er alleine in seinem Arbeitszimmer saß, wo leben wir? Seine Frau stand in der Küche und kochte Grünkohl. Sie wollten am nächsten Tag nach Sagenhausen zum Schwager fahren und dort mit ihrer Familie zusammen essen. Der Kommissar hatte früher nie etwas von  Reihenhäusern gehalten, nun aber begann er sich mit dem Gedanken zu beschäftigen, in den nächsten Jahren mit Maria an den Stadtrand umzuziehen. Es war 18.50 Uhr, als er neugierig seinen Kopf durch die Küchentür steckte und fragte:
„Na, wollen wir Abendbrot essen?“
Maria rührte im Topf und meinte:
„Ja, fang schon mal an aufzudecken.“
Sie verbrachten einen harmonischen Abend, sahen sich einen Liebesfilm mit Audrey Hepburn an und saßen gemütlich nebeneinander vor dem Fernseher. Gegen halb elf verzog sich der Kommissar mit einem Bier in sein Arbeitszimmer, öffnete die Akte „Günter Jakubowski“ und begann zu lesen:
„Am Nachmittag des 15. Mai 1969 wurde das Polizeirevier Süd von Frau Ingrid Müller angerufen, weil sie ihren Freund Günter Jakubowski tot in der gemeinsamen Wohnung Franz-Kafka-Straße 34 parterre rechts vorgefunden hatte. Sie war an diesem Tag von einer Klassenfahrt als Lehrerin zurückgekehrt, hatte Gasgeruch bemerkt und fand ihren Lebensgefährten halbnackt in der Küche am Tisch sitzend. Aus dem Radio ertönt „Samba Pa Ti“ von Santana. Und ein  Gefühl sagte Ingrid Müller, dass ihr Freund kurz vor seinem Tod noch Sex gehabt hatte.  Sie hatte den Gashahn vom Backofen sofort abgestellt und die Wohnung gelüftet.  Die Kollegen des Polizeireviers trafen dort gegen 15.30 Uhr zusammen mit dem Arzt Dr. Neumann ein, der den Tod von Jakubowski attestierte. Laut Dr. Neumann sollte Jakubowski an einer Gasvergiftung verstorben sein. Jemand hatte wahrscheinlich den Gashahn geöffnet. Jakubowski wohnte mit seiner Freundin in einem vierstöckigen Mehrfamilienhaus mit 10 Parteien.
Gott sei Dank war es nicht zu einer Gasexplosion gekommen.
Die beiden Polizisten, die als erste am Tatort erschienen, fanden Günter Jakubowski tot in der Küche sitzend vor. Auf dem Tisch standen zwei Gläser und eine leere Flasche Absinth. Der Pathologe stellte später fest, dass er noch kurz vor seinem Tod Sex gehabt hatte. Wahrscheinlich sei er an einer Gasvergiftung verstorben. Allerdings räumte der Pathologe ein, dass der Tote eine Menge Alkohol (Absinth) im Blut hatte. Am Hals fanden sich Kratzspuren, die auf einen Kampf schließen ließen, der Pathologe schloss aber auch nicht aus, dass er sich diese Kratzspuren beim Sex zugezogen hatte. Die Kratzspuren schienen von einer Frau zu sein. DNA-Untersuchungen gab es damals noch nicht. Der Pathologe schätzte den Todeszeitpunkt auf den 15. Mai 1969 morgens gegen 7 Uhr.
Die Polizisten riefen die Mordkommission unter Leitung von Herbert Sawalla an. Die Wohnung wurde von der Spurensicherung untersucht, alles fotografiert und nach Fingerabdrücken untersucht. Die Polizei hatte eine ganze Reihe von Gegenständen mitgenommen in der Hoffnung, daran Spuren vom Täter zu finden. Die Wohnungstür war nicht gewaltsam geöffnet worden. Die Wohnung von Müller und Jakubowski befand sich im Erdgeschoss rechts, so dass der Mörder auch über den Balkon in die Wohnung eindringen konnte. Kommissar Sawalla und seine Kollegen fanden in der Wohnung eine Mao-Bibel, einen Geschäftsbericht der NORDMEER, ein Buch über die Verbrechen der Waffen-SS in Frankreich und Russland, weiterhin Protokolle der Arbeiterpartei-Stadtregierungs-Fraktion und Betriebsratsprotokolle. Schon vor Ort hatte Sawalla damit begonnen, die Betriebsratsprotokolle  zu lesen und den  Eindruck bekommen, dass es im Betriebsrat zwischen Arbeiterpartei und KPD krachte. Die KPD-Mitglieder warfen Jakubowski massiv Bestechlichkeit, Korruption und opportunistisches  Verhalten gegenüber der Geschäftsleitung vor.
In einer der letzten Betriebsratssitzungen hatte Detlef Böhm gegenüber Jakubowski erklärt:
„Kollege Jakubowski, Du lässt Dich von der Geschäftsleitung bestechen. Du lässt Dich kaufen. Du bist korrupt. Die Werftenleitung überweist Dir jeden Monat 500 DM. Wenn wir die Mehrheit hätten, würden wir Dich abwählen. Aber vielleicht demnächst….“
Günter Jakubowski hatte seinem Kritiker mit einer knarrenden Stimme geantwortet, dass man das Gefühl haben konnte, dies sei Böhms Todesurteil. Niemand hatte bisher mit Jakubowski so reden dürfen. Jakubowski hatte mit einem Ton geantwortet, der signalisierte:
Böhm, Du bist das Allerletzte, Du verstehst nichts, Du bist blöde.
Detlef Böhm der aufrechte Kommunist war tief gekränkt über den Ton mit dem sein Vorsitzender mit ihm redete.

 

In der Wohnung fand sich auch eine Kopie der Personalakte des Auszubildenden Klaus Wind mit Hinweisen auf Kontakte in die Außerparlamentarische Opposition. Auch im Keller des Hauses Nr. 34 wurde die Kripo fündig. Hinter einem Weinregal versteckt fand die Kripo eine Akte der illegalen Bezirksleitung der KPD aus dem Jahre 1955, in dem von einem Treff auf dem Gelände der NORDMEER berichtet wurde und an dem Hein Wind und Oswald Plessner teilgenommen haben sollten.
Gegen halb eins hörte Maria ein Schnarchen aus dem Arbeitszimmer ihres Mannes. Sie ging hin und fand ihn eingeschlafen vor. Sein Kopf lag auf dem Schreibtisch und er schnarchte laut hörbar. Nachdem sie ihn geweckt hatte, ging er ins Bett und schlief dort weiter. In dieser Nacht träumte Charly Kammeier von weißem Schnee, von geheimen Treffen der KPD auf einem Fischdampfer, er war in einer Betriebsversammlung auf der Kloppenburg-Werft und musste ohnmächtig mit ansehen, wie Arbeiter ihren Betriebsratsvorsitzenden zusammenschlugen.

 

8. Kapitel
Am Morgen des 1. Februar wachte Charly Kammeier mit heftigen Kopfschmerzen auf, sein Halswirbel schmerzte, weil das Schlafzimmerfenster offen gestanden hatte, wie er meinte. Als er im Wohnzimmer aus dem Fenster schaute, lag alles unter einer weißen Schneedecke und das Thermometer zeigte -3°C an. Er holte sich einen Kaffee aus der Küche und setzte sich an seinen Schreibtisch.
Hatten die Kollegen damals keine Spuren in der Wohnung gefunden? Was war mit den Hausbewohnern? Was war aus der Befragung herausgekommen? Hatte man sich diese Ingrid Müller vorgenommen?
Es begann wieder zu schneien.
8.15 Uhr.
Neugierig geworden las Kammeier weiter im Abschlussbericht der Polizei.
Tatsächlich hatte man in der Wohnung Franz-Kafka-Straße 34 Parterre rechts Fingerabdrücke gefunden, und zwar nicht nur die von Günter Jakubowski und Ingrid Müller. Die Polizei hatte Spuren von Biggi Bock sowie zwei weiteren Personen, die nicht identifiziert werden konnten.  Im Laufe der Wochen und Monate nach dem Mord an Jakubowski hatte die Mordkommission den Betriebsrat, Nachbarn, Familie und Parteifreunde vernommen. Jakubowski war vermögend gewesen. Da er auch im Stadtparlament für seine Partei saß, war er stadtbekannt. Sawalla und Kollegen hatten vergeblich versucht heraus zu bekommen, warum sich Jakubowski für die Personalakte von Klaus Wind interessiert  hatte. Und auch Wind konnte oder wollte sich das nicht erklären.
Gegen Mittag  hatte der Kommissar die umfangreiche Akte durchgearbeitet. Er fragte sich:
Was war am 15. Mai 1969 passiert? Wie war es zu dem Mord gekommen? Wer war daran beteiligt? Anhand der Zeugenaussagen konnte er die letzten Tage vor dem Mord an Jakubowski nachvollziehen.

 

9. Kapitel
Der 14. Mai 1969  war ein kalter Frühlingstag in Vandenburg. Günter Jakubowski hatte für diesen Tag einen vollen Terminkalender. Als er morgens aufstand, ärgerte er sich über den Blick auf die alte Garage. Es wurde Zeit, dass sie in eine bessere Gegend zogen. Aber…
Seine Freundin Monika befand sich auf Klassenfahrt.
Günter Jakubowski war eine charismatische Persönlichkeit, mit sportlicher Figur, schlank gebaut mit eher schmalen Schultern, kurzen Haaren und einem beeindruckend schönen Gesicht. Er hatte einen selbstbewussten Gang. Jakubowski war ein Alpha-Tier, der es verstand sich immer und überall durchzusetzen, koste es was es wolle. Wenn er den Raum betrat, begann es zu knistern. Er verstand es, sich in den Mittelpunkt zu bringen. Seitdem Jakubowski den Betriebsrat führte, gab es Erfolge. Die Arbeit ging voran, der Betriebsrat hatte in der Öffentlichkeit einen guten Ruf. Betriebsratskollegen wussten, dass Jakubowski sehr autoritär werden konnte. Er duldete keinen Widerspruch. Jakubowski zog Menschen in seinen Bann. Jakubowski war fachlich unschlagbar. Jahrelang hatte er in der kaufmännischen Abteilung der Kloppenburg-Werft gearbeitet. Als klar wurde, dass der alte Betriebsratsvorsitzende Krone in Rente gehen würde, hatte die Partei ihn aufgebaut.

Aber Jakubowski hatte sich mit seiner unsensiblen Art auch Feinde geschaffen. Vor allem  im Haus Nr. 34 war er immer mal wieder herrisch und kurzangebunden aufgetreten. Jakubowski hatte so den einen und den anderen Nachbarn verletzt. Manche hassten Jaku.

 In der Franz-Kafka-Straße wohnten zu diesem Zeitpunkt zehn Mietparteien unter einem Dach. Das Haus galt als vierstöckig mit Flachdach. Im Sommer nisteten die Möwen auf dem Dach. Im Haus herrschte eine gute Nachbarschaft. Jakubowski bewohnte die 3- Zimmer-Wohnung parterre rechts mit Balkon. Links neben ihm wohnte das Ehepaar Bock. Herr Bock arbeitete als Versicherungsagent, kam spät abends nach Hause und musste deshalb oft morgens lange schlafen. Wenn dann die Kinder vor dem Haus spielten, gab es Krach. Herr Bock war ein dünner, langer Mann, der schnell redete wie ein Maschinenwehr, einen schwarzen Humor besaß und den manches Mal keiner verstand, weil er sich so kompliziert ausdrückte. Bocks grüßten die Nachbarn im Hause freundlich und seine Frau Biggi wurde von allen geliebt. Biggi hatte früher in einer Kneipe gearbeitet, sie war ein niedlicher Fratz und alle Männer mochten sie gern. Herr Jakubowski hatte einmal zu Bicki gesagt:
„Welcher Mann möchte nicht mit Dir auf einer Bank sitzen und kuscheln.“
 Ärger gab es nur, wenn Jakubowski wieder einmal vergessen hatte, die Treppenwoche zu machen.
Im ersten Stock links wohnte Frau Hanna Mankel zusammen mit ihrem Mann. Frau Mankel redete unaufhörlich, auch wenn man sie nicht sah, sie redete. Sie war eine attraktive Frau mit einem schönen Gesicht, Jakubowski aber hatte das Gefühl gehabt, sie sei ein Mann, der immer im Mittelpunkt stehen musste. Günter Jakubowski kam mit dieser dominanten Dame nicht gut zurecht. Jakubowski mochte es nicht, wenn man anderer Meinung war. Und Frau Mankel hatte immer ihre Meinung.

Auf den regelmäßig stattfindenden Mieterversammlungen hatte Jakubowski Frau Mankel öfters abgekantet und gekränkt, so dass sie nicht gut auf ihn zu sprechen war.  Im ersten Geschoss rechts wohnte das Ehepaar Urspruch. Herr Urspruch war lange Jahre als Ingenieur zur See gefahren, war aber jetzt in Rente, und beschäftigte sich gerne im Keller in seiner Werkstatt. Manchmal hatten Urspruch und Jakubowski im Hausflur zusammen gestanden und geplaudert. Frau Urspruch war eine starke Kettenraucherin. Sie war kleinwüchsig und atmete schlecht. Im 2. Stock links wohnte Frau Knape mit ihrem Sohn Arno zusammen. Als Untermieter hatte sie  einen Uhrmacher, der tote Schlangen in Flaschen mit Spiritus aufbewahrte. Arno war 18 Jahre alt und damit etwas jünger als Klaus Wind, der im 4. Stock rechts wohnte. Der Uhrmacher hatte manches Mal mit einer Alkoholfahne an der Korridortür gestanden, wenn Klaus Wind bei ihm geklingelte hatte, um Arno zu besuchen, seinen Freund. Eines Tages hatten die Schlangen auf dem Trockenen gelegen in den Flaschen. Der Uhrenmacher hatte wohl den Spiritus ausgesoffen.
Der Uhrmacher war auch nicht gut auf den Betriebsratsvorsitzenden zu sprechen, weil Jakubowski ihn einmal    auf einer Versammlung als herunter gekommenes Subjekt tituliert hatte.
Im 2. Stock rechts wohnte ein Ingenieur Möller mit seiner Familie. Möller war groß, schlank und freundlich. Er hatte früher auf der Riekerwerft gearbeitet, und sah überall Probleme. Jakubowski mochte Möller, warum wusste keiner. Aber Möller hatte auch schon oft auf Jakubowski geschimpft.  Im III. Stock links wohnte Frau Tenne mit ihren beiden Söhnen. Frau Tenne arbeitete im Fischereihafen. Im III. Stock rechts wohnte das ältere Ehepaar Ficke. Herr Ficke stand gerne auf dem Balkon und rauchte dicke Zigarren. Im IV. Stock links wohnte Familie Offermann. Sie war dick und er dünn und lang. Herr Offermann pflegte sein Fischaquarium, sonst hatte er nichts zu sagen. Er war schwerhörig. Im IV. Stock rechts wohnte Familie Wind. Hein Wind arbeitete im Fischereihafen, sein Sohn Klaus  machte eine Ausbildung auf der Kloppenburg-Werft. Der Bruder von Klaus ging noch zur  Schule.

Am Morgen des 14. Mai hatte Günter Jakubowski ganz andere Sorgen. Er sah auf seinen Kalender und ihm graute vor den vielen Terminen. 10 Uhr Betriebsratssitzung, 11 Uhr Termin mit dem Personalchef. 14 Uhr Termin mit der Geschäftsleitung. Danach wollte er noch mal kurz bei Herrn Penschel in der Schiffbau-Konstruktion vorbeischauen.

 

10. Kapitel
Der 7. Februar war ein Samstag und den ganzen Tag lag Nebel über der Hafenstadt Vandenburg.

Am Nachmittag dieses Tages nahm sich der Kommissar die Akte „Günter Jakubowski“ vom Schreibtisch und versuchte nachzuvollziehen, was am letzten Tag vor Jakus Tod passierte. Der sichergestellte Terminkalender des Vorsitzenden wies für 10 Uhr den ersten Termin aus:
Sitzung des Betriebsrats der Kloppenburg-Werft. Dem Polizeibericht nach lag das Betriebsratsprotokoll aber auch die Befragung der Mitglieder vor. Der damalige Leiter der Mordkommission, Herbert Sawalla, hatte die Betriebsratssitzung so zusammengefasst:

Unter Punkt 1 der Tagesordnung berichtete Günter Jakubowski über die von der Geschäftsführung initiierte neue Stahlfließbandfertigung, die die Japaner schon hatten. Aber die Japaner waren nur ausgerichtet auf Tanker, während Kloppenburg damit begann, verschiedene Schiffstypen zu bauen. Fließbandfertigung heißt, dass der Stahl in Form von Platten und Profilen über Bänder in die Halle läuft, bearbeitet, ausgeschnitten und dann in der Halle schrittweise zu Sektionen zusammengebaut wird und als fertige Sektion aus der Schiffbauhalle kommt und dann nochmal zu größeren Sektionen zusammengesetzt werden kann und dann auf den Helgen kommt. Jakubowski betonte, dass dies die internationale Konkurrenzfähigkeit der Werft steigern werde. Detlef Böhm hatte sich zu Wort gemeldet und angemerkt:
„Diese Rationalisierungsmaßnahmen seien doch nur dazu, da den Profit der Werfteigentümer zu steigern, man  werde den Akkord steigern und die Arbeiter verstärkt ausbeuten.“
Günter Jakubowski antwortete darauf in scharfem Ton:
„Diese Maßnahmen sollen das Überleben der Werft sichern, soll die Werft konkurrenzfähig gegen Konkurrenz aus Polen und Japan machen. Es geht mir um die Sicherung von Arbeitsplätzen, Herr Kollege.“
Detlef Böhm hatte einen hochroten Kopf und begann zu stottern, als er antwortete:
„Kollege Jakubowski, das ist doch alles die Idee von Werftdirektor Lührs, der sich damit beim Vorstand in Aldera beliebt machen will. Den interessiert doch nur, wie er die Aktionäre zufrieden stellen kann. Zugegeben der technische Fortschritt geht weiter. Diese Fließbandarbeit im Akkord wird nicht nur Rationalisierung, sondern auch den Abbau von Arbeitsplätzen bringen. Jakubowski, Sie stecken doch mit Lührs unter einer Decke.“
Der Betriebsratsvorsitzende schlug mit der Hand auf den Tisch. Detlef Böhm stand auf, erregt mit hochrotem Kopf. Die beiden Betriebsräte standen sich über den Tisch hinüber Nase an Nase gegenüber. Jakubowski meinte dann:
„Böhm, wenn es Ihnen nicht gefällt gehen Sie doch nach  drüben.“
Und Böhm antwortete:
„Jakubowski, wenn Sie nur noch das Wohl der Werft im Auge haben, sollten Sie zurücktreten.“
Es herrschte eine eisige Stille im Raum. Detlef Böhm versuchte sich verzweifelt zu beruhigen.  Er sah sich im Raum um. Dann stand er auf und meinte im Gehen:
„Jakubowski, Sie werden dafür irgendwann die Rechnung bekommen, für Ihren Opportunismus.“
Gegen halb elf wurde die Betriebsratssitzung in eisiger Stimmung zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten geschlossen.

Es war schon spät, als der Kommissar gegen 22 Uhr die Polizeiakte von 1969 beiseite legte und sich entspannte. Er ging ins Wohnzimmer, um mit Maria zusammen ein Bier zu trinken. Sie saß da vertieft in ihr Buch und durfte kaum gestört werden. Aus den Lautsprechern hörte Kammeier seine Lieblings-Jazzerin Diana Krall. Charly Kammeier ließ dieser Fall nicht los. Er fragte sich, wie viele Feinde sich Jakubowski mit seiner Arbeit und seinem Ehrgeiz gemacht hatte. Der Mann schien ein Choleriker vor dem Herrn gewesen zu sein. Ein interessanter Mensch. Kammeier las weiter in der Akte, fand allerdings im Bericht über die Sitzung mit der Werftenleitung, Herrn Lührs, nichts Interessantes. Hochinteressant fand der Kommissar den Termin mit Herrn Penschel nach 14 Uhr. Worum war es in diesem Gespräch gegangen?
An diesem Gespräch hatten der Personalchef der Werft, ein Herr Lotten, Abteilungsleiter Schiffbau, Herr Penschel sowie der Betriebsratsvorsitzende Jakubowski teilgenommen. Es ging um den Jugendvertreter Klaus Wind. Penschel führte aus:
„Man sagt mir, dass dieser Klaus Wind zur KPD gehört. Fest steht, dass er mir die Auszubildenden aufhetzt. Der Mann verbreitet Unruhe. Klaus Wind arbeitet in meinem Konstruktionsbüro. Ich will ihn los werden. Der junge Mann ist widerspenstig. Alles was man an negativem über die Außerparlamentarische Opposition hört, verkörpert er. Dieser Mensch kann sich hier nicht unterordnen. Er stört den Betriebsfrieden.“
Günter Jakubowski hatte geantwortet:
„Ich hatte schon mehrere Zusammenstöße mit Wind. Der Mann macht Wind, auch sonst macht er nur Unruhe. Das Problem ist nur, er ist Mitglied des Betriebsrates und genießt Kündigungsschutz.“
Als sich die drei Herren gegen 15 Uhr trennten, hatte Jukubowski der fristlosen Kündigung von Klaus Wind zugestimmt.
Dieser Tag ging zu Ende mit dahin dümpelnden Werften. Mit einer neuen Windenergie-Branche, die sich erfolgreich in Vandenburg breit machte. Bald würde hier auch ein Windenergie-Institut ansässig sein. Der Bau des Klimahauses ging seinem Ende entgegen. Im Kaiserhafen gingen die Umschlagszahlen der Im- und Exportautos mitten in der Krise dramatisch zurück. Die Weltwirtschaftskrise hatte auch Vandenburg und seinen Containerterminal erreicht. Die Umschlagszahlen für Container waren schockierend rückläufig. Kammeier trank sein  Bier und beschloss bald ins Bett zu gehen. Plötzlich sagte er laut zu sich:
„Gott hilf, der Klaus Wind hat ein dickes Motiv. “

 

11. Kapitel

8. Februar. Die ganze Nacht hatte der Kommissar von dem Fall Jakubowski geträumt und war spät aufgestanden. Die Doppelglasfenster im Schlafzimmer und im Arbeitszimmer waren beschlagen. Das kam selten vor. Aus dem Radio hauchte eine amerikanische Gruppe: So in love, schubidu.
An diesem Tag stand der Papst unter massiver Kritik wegen seiner Rehabilitierung eines Holocaustgegners aus der Pius-Sekte. Kammeier dachte, dass Herr Ratzinger mit seinen 82 Jahren am besten zurücktreten sollte. Der Mann konnte sicherlich gute Bücher schreiben, er war sicherlich ein guter Großinquisitor der Katholischen Kirche gewesen, aber mit einer solchen Aufgabe war ein 82jähriger Mann einfach überfordert.
Es war in seiner Realität nichts passiert, außer dass Kammeier in dieser umfangreichen Akte gelesen hatte, aber der Fall hatte ihn gepackt und ließ ihn nicht mehr los. Es war noch nicht einmal halb acht Uhr und seine Frau Maria schlief tief und fest, als er sich die Akte erneut zu Gemüte führte. Er fragte sich, was nach der Sitzung mit Penschel und Heinze passiert war. Hatte Klaus Wind noch an diesem Tag von seinem Rausschmiss erfahren oder erst später?
Er nahm sich die Akte vom Schreibtisch und begann beim Lesezeichen weiter zu lesen. Sawalla schrieb über den weiteren Tagesablauf des 14. Mai:
„Die  Befragungen im Haus Franz-Kafka-Straße 34 ergaben, dass der Ermordete entgegen seinen sonstigen Gewohnheiten gegen 16.30 Uhr nach Hause kam. Dies bestätigte Frau Urspruch, die gerade zufällig aus dem Schlafzimmerfenster schaute. Seine Freundin Ingrid Müller war nicht Zuhause. Frau Merkel, die gegen 17 Uhr in den Keller gegangen war, hörte aus der Wohnung von Jakubowski die Stimme von Biggi Block. Neugierig blieb sie einen Augenblick vor der Tür stehen, und hörte Biggis fröhliche Kinderstimme. Biggi war eine kleine, sehr attraktive Frau mit einem Charme, dem kein Mann widerstehen konnte. Offensichtlich amüsierten die beiden sich köstlich. Frau Merkel hatte sich schon früher gefragt, ob zwischen den beiden etwas lief.
Gegen 18 Uhr kam Hein Wind mit seinem Fahrrad nach Hause, brachte dies in den Keller und klingelte bei Jakubowski, weil er mit ihm reden wollte. Jakubowski öffnete die Tür, entschuldigte sich, er habe Besuch, und werde später nach oben kommen, wenn es Recht sei. Sie einigten sich darauf, dass Jakubowski gegen 19 Uhr in den 4. Stock zu Winds kommen werde. Tatsächlich klingelte Günter Jakubowski kurz nach 19 Uhr bei den Winds. Gerda Wind bat ihn freundlich herein. Sie setzten sich im Wohnzimmer zusammen. Hein Wind bezichtigte nun Jakubowski, in seinen Keller eingebrochen zu sein und dort wichtige Protokolle, Bücher und anderes gestohlen zu haben.
„Ach die Protokolle der illegalen Bezirksleitung der KPD?“ meinte Jakubowski provozierend.
„Arbeitest Du Schwein für den Verfassungsschutz?“ schrie  Hein Wind laut und schlug Jakubowski mit der Faust krachend ins Gesicht. Günter Jakubowski stand auf, er war kleiner als der gewaltige Hein Wind. Während er wutschnaubend die Wohnung verließ, schimpfte er:
„Das wird Dir noch leid tun, Hein Wind. Mein Arm reicht weit. Und ach ja“, er dreht sich zu Klaus Wind um und sah diesen verächtlich an:
„Dein Handwerk wird dir schon morgen gelegt.“
„Wollt Ihr mich rausschmeißen?“ fragte trotzig der junge Mann.
Jakubowski grinste überlegen und sagte:
„Klaus das Fass ist voll. Nicht nur, dass Du Kommunist bist, machst die Lehrlinge wild und übersteigst Deine Kompetenzen. Du wirst wohl morgen deine fristlose Kündigung bekommen. Viel Spaß.“

Man merkte, mit welcher Befriedigung Jakubowski das gesagt hatte. Günter Jakubowski ging, aber ganz wohl war ihm doch nicht. Als er nach unten ging, hatte er die Fantasie, Klaus Wind würde gleich kommen und versuchen ihn zu bedrohen, mit irgendetwas. Jakubowski hatte Angst.
Ich bin zu weit gegangen, ich habe mich verraten. Das könnte noch Ärger geben.
Ach, redete er sich ein, was die machen ist illegal. Um seine innere Angst zu übertönen, sagte er im Treppenhaus ganz laut:
„Illegal, illegal, illegal.“

 

Als der Kommissar das Manuskript an die Seite gelegt hatte, blickte er nach draußen. Die Sonne schien jetzt in ihrer ganzen Pracht und machte die Welt und Vandenburg schön, lebenswert und freundlich. Das Außenthermometer zeigte nur +1°C Sie hatten gut gefrühstückt, doch jetzt war Zeit für Hausputz. Kammeier hatte keine Zeit, las aber weiter in der Akte. Danach war Werner Bock abends spät nach Hause gekommen von einem Termin, er hatte seine süße Biggi auf der Couch eingeschlafen vorgefunden. Als er näher an sie heran  trat, hatte er das Gefühl, dass sie nach Fisch roch. Werner Bock wurde misstrauisch. Konnte es sein, dass sie wieder bei diesem Jakubowski gewesen war? Scheinbar hatte sie keine Zeit gehabt, sich zu duschen und alle Spuren zu verwischen. Wutschnaubend hämmerte er an die Wohnungstür von Günter Jakubowski, der aber öffnete nicht. Günter Jakubowski war am Telefonieren. Neugierig schob Bock seinen Kopf an die Tür. Bock hatte den Eindruck, dass Jakubowski mit der Politischen Polizei telefonierte und dabei war, die beiden vermutlichen KPDler oben im 4. Stock anzuschwärzen. Werner Bock ging in seine Wohnung, weckte seine zauberhafte Biggi, machte ihr Vorwürfe und machte ihr gleichzeitig den Hof. Spät gegen 23 Uhr hörte Werner Bock, wie zwei Männer in schwarzen Ledermänteln  Hein Wind abholten.

 

Charly Kammeier aber hatte irdische Probleme. Er musste sich zusammenreißen und den verdammten Hausputz erledigen. Er hatte Küche, Wohnzimmer, und sein Arbeitszimmer schon fertig, als er von einer euphorischen Stimmung über das gute Aktenstudium erfasst wurde. Ja, er sah Land in Sicht. Freudig legte er sich eine CD seiner Lieblingsgruppe Queen auf. Radio Gaga. Aber Kammeier wartete auf etwas Anderes.
Man musste diese Musik laut hören. Sehr laut.
Charly Kammeier nahm den Staubsauger in die Hand.
I want it all. Naja. Aber wieder diese gigantische Gitarre von Brian May. Und der stimmengewaltige Freddy.

Dann endlich kam sein Lieblingslied:
I want to break free!!!
Der schleppende fast langweilige Rhythmus, aber diese Gitarre, diese Gitarre, ihm kamen die Tränen. Sie konnte sprechen. Die schoss ihn in den Himmel.  Dann wieder leise jammernd. Bamm, Bamm. Sein Freddy Mercury. Life still goes on…

Am Abend des 8. Februar machte sich der Kommissar klar, dass es  an der Zeit war, seine Kollegen Simone Schwarzkopf und Klaus Engelhardt in diesen Fall einzubeziehen. Es gab eine ganz Reihe von Verdächtigen: Biggi Bock, Werner Bock, Ingrid Müller, Hein Wind, Klaus Wind, Detlef Böhm, der Uhrmachermeister Otto Lehmann. Aber er hatte noch lange nicht zu Ende gelesen. Bei der Befragung der Hausbewohner, war ihm aufgefallen, dass niemand überprüft hatte, wann Ingrid Müller wirklich von der Schullandfahrt zurück gekommen war. Sie konnte ja auch einen Tag eher nach Hause gefahren sein, um ihren triebhaften Freund zu überführen. Werner Bock konnte am nächsten Morgen der Geduldsfaden gerissen sein, er wollte Biggi für sich und darum hatte er Jakubowski vergiftet. Die damalige Mordkommission unter Herbert Sawalla hatte sich nach der Befragung aller Zeugen und Verdächtigen sehr schnell auf Klaus Wind eingeschossen. Dazu musste man die damalige Zeit verstehen. Wie Kammeier dem Bericht von Sawalla entnehmen konnte, war für Sawalla klar, dass das KPD-Mitglied Klaus Wind der Mörder von Günter Jakubowski war. Nur die Beweise hatten nicht ausgereicht. Die Verhöre im Keller des Block IV hatten nicht das gewünschte Ergebnis gebracht. Schließlich musste man den Fall einstellen. 40 Jahre später hatte irgendjemand in der Bezirksregierung ein Interesse daran, diesen Fall wieder aufzurollen. Von DNA-Spuren war die Rede.  Wer von den Verdächtigen lebte überhaupt noch?
Das Ganze war vierzig Jahre her.
Kommissar Kammeier musste zugeben, dass ihn der Fall während des Aktenstudiums fasziniert hatte. Aber in der Zwischenzeit waren 40 Jahre vergangen, was sollte das Ganze also überhaupt? Als nächstes würde Kammeier am Montag die Mordkommission einberufen,  ihnen den Fall vortragen und fragen, was sie von dem Fall hielten.
Am Sonntagnachmittag auf dem Weg nach Sagenhausen zusammen mit Maria hatte er seinen 3er BMW kurz in der Franz -Kafka-Straße 34 angehalten. Der Kommissar war ausgestiegen und hatte sich das Mietshaus Nr. 34 angeschaut. Neugierig suchte er an den Klingelknöpfen bekannte Namen. Aber niemand von den zehn Mietparteien von 1969 wohnte noch in diesem Haus. Das hieß Stopp. Da fand er den Namen Werner Bock unten links. Spontan klingelte Kammeier bei dem Versicherungsmenschen. Nach einer Weile öffnete ihm ein älterer Mann, lang, dürr und grau. Bock sah verbittert aus, redete immer noch schnell und bat ihn herein. Kammeier versuchte das Gespräch kurz zu halten. Aber auf die Frage, wer denn von damals noch im Haus wohne, meinte Werner Bock:
„Von damals wohnt hier keiner mehr. Biggi hat mich kurz darauf verlassen. Frau Merkel und Ehepaar Urspruch sind verstorben. Frau Knape ist mit ihrem Sohn in die USA ausgewandert. Familie Möller, zweite Etage rechts, ist ausgezogen. Frau Tenne ist verstorben. Ehepaar Ficke ist ebenfalls tot. Frau Offermann ist verstorben, er lebt irgendwo in Vandenburg. Hein Wind ist vorletztes Jahr verstorben. Klaus Wind lebt in Aldera, hat studiert und soll jetzt bei der Angestelltenkammer einen guten Job haben. Und Otto Lehmann ist im Pflegeheim Meyer.“
Kommissar Kammeier dachte nach und meinte dann:
„Und was ist mit Ingrid Müller, der Freundin von Günter Linde?“
Werner Bock kramte in der Küche herum, brachte Kaffee.
„Die wohnt immer noch nebenan.“
Kommissar Kammeier stutzte. Er hatte den Namen nicht an der Klingel gefunden.
„Wie heißt sie denn jetzt? Fragte der Kommissar.
„Ach das ist eine lange Geschichte. Sie war doch zwischenzeitlich verheiratet.“
„Und wie heißt sie nun heute?“ bohrte der Kommissar nach.
Werner Bock war es sichtlich unangenehm. Aber dann sagte er:
„Wir waren ein paar Jahre zusammen und verheiratet. Danach hat sie ihren Mädchennamen wieder angenommen.“

 

12. Kapitel
Am Morgen des 9. Februar fand ein Gespräch in der Fischhalle V im Büro von Kommissar Kammeier statt. Er berichtete über den Mord an Günter Jakubowski am 15. Mai 1969 und die Ergebnisse seines Aktenstudiums. Der Vortrag dauerte über eine Stunde. Simone Schwarzkopf und  Klaus Engelhardt saßen da und sahen sich ratlos an. Simone meinte zu Charly:
„Man sollte sich die beiden Frauen mal näher ansehen. Und dann frage ich mich, ob nicht jemand für 10.000 DM den Jaku umgelegt hat?“
Der Kommissar sah seine beiden Kollegen an und meinte dann verlegen:
„Ich habe noch etwas vergessen. In der letzten, siebten Akte hat Kommissar Sawalla ein paar persönliche Notizen gemacht. Er schreibt hier folgendes:

Hauptverdächtiger in meinen Augen ist Klaus Wind. Aber die Beweise reichen vorne und hinten nicht aus. Auf den Kontoauszügen von G. Jakubowski waren seit drei Jahren monatliche Einzahlungen in Höhe von 500 DM. Das Geld wurde von einem Herrn Penschel überwiesen. Des weiteren haben wir bei der Verhaftung von Hein Wind und der Durchsuchung im 4. Stock Tagebücher sichergestellt. Dort hatte sich Klaus Wind über eine Gruppe Omiga 7 ausgelassen. Es scheint so, als ob sich Mitglieder der außerparlamentarischen Opposition zusammengetan haben zu einer Art Antikorruptionsgruppe. Klaus Wind wusste von dieser Gruppe, gehörte aber möglicherweise nicht dazu. Wind hat in seinem Tagebuch den Verdacht geäußert, dass Jakubowski Bestechungsgelder kassiert hat. Und  Wind äußerte sich begeistert über die Omiga7. In den meisten Heften lässt sich Wind über seine Freundinnen, seine Arbeit als Jugendvertreter, seine Kontakte zur Apo usw. aus. Sie haben Klaus Wind mehrfach verhört, aber es kam nichts dabei heraus. Sein Vater wusste angeblich gar nichts.“

Engelhardt und Schwarzkopf waren gelangweilt.
„Es könnte also sein, dass J. die Werft zum Beispiel erpresst hat und Penschel seine Finger mit drin hatte.“
Sie gingen ins Wochenende.

 

13. Kapitel
Am Morgen des 12. Februar schrieb der Kommissar brav den ganzen Morgen Berichte. Nachmittags war  Kammeier mit dem Auto unterwegs. Am späten Nachmittag besuchte ihn eine ältere Dame, die ihn angerufen hatte. Sie wusste von irgendwoher, dass er sich mit der Mordsache Jaku beschäftigte. Kammeier schenkte ihr einen Becher Kaffee ein, dann begann sie geheimnisvoll zu erzählen:
„Ich habe lange Jahre im Sekretariat der Kloppenburg-Werft gearbeitet  und auf diese Weise viel mit bekommen, was lief. Als mir jetzt jemand von höherer Stelle in Aldera erzählte, dass dieser Fall wieder aufgerollt werden soll, habe ich mir gesagt: Du rufst diesen Kommissar jetzt an und erzählst ihm, was Du weißt. Unter dem Mantel der Verschwiegenheit, versteht sich.“
Kammeier schätzte Frau Lotterbein auf knapp achtzig Jahre. Sie war korpulent,  gut gekleidet und sah gepflegt aus und machte einen freundlichen Eindruck. Der Kommissar wollte den Fall schon zu den Akten legen, als er an diesem Morgen den Anruf der ehemaligen Sekretärin der Werftdirektion bekam. Wusste sie etwas über Omiga 7?

„Und was können Sie mir berichten?“ fragte Kammeier um das Gespräch einzuleiten.
Sie sah aus dem Fenster, beobachtete den alten Helgen der Bickerwerft und begann zu erzählen:
„Ich muss etwas ausholen. Ende der 50er Jahre sollte die Kloppenburg-Werft eine ganze Reihe von Fischdampfern für die Reederei „Nordmeer“ bauen.  Bei den Verhandlungen hat die damalige Werftleitung die Reederseite bestochen, um die Auftragsserie zu bekommen. An den Verhandlungen maßgeblich beteiligt war auch der spätere Abteilungsleiter Konstruktion Schiffbau, Herr Penschel. Durch einen dummen Zufall hat Günter Jakubowski von diesem Deal erfahren und gedroht, es öffentlich zu machen. Penschel hat dann im Auftrag der Werftleitung dem Jakubowski ein monatliches Schweigegeld von 500 DM zugesagt. Die Gelder sind auch geflossen. Das ging drei Jahre lang gut. Dann verlangte Günter Jakubowski das Doppelte. Er wollte ab 1. Juni 1969 monatlich 1000 DM Schweigegeld.“

Kammeier ging der Hut hoch. Hallo hallo, dachte er, das ist ja eine feine Gesellschaft. Laut sagte er:
„Sie meinen also, dass die Werftenleitung den Mord an Jakubowski in Auftrag gegeben hat?“
Frau Sawalla sah den Kommissar nachdenklich und mit einem diebischen Lächeln an.
„Jein. Die Sache hat noch eine zweite Seite. Im Laufe des Jahres 1968 bildete sich in Vandenburg ein Außerparlamentarischer Arbeitskreis, den damals ein  Frank Spargel leitete. Zu dieser Gruppe gehörten auch ehemalige Mitglieder der Arbeitspartei. Später spaltete sich eine Gruppe ab, und baute ein Lehrlingszentrum auf. Sie nannten sich SALZ. Aber das tut gar nichts zur Sache. Aus allen diesen Gruppen bildete sich im Jahre 1968 ein geheimer Zirkel, er nannte sich Omiga 7 und hatte genau sieben Mitglieder. Diese Gruppe hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die Korruption der herrschenden Arbeiterpartei zu bekämpfen. Böse Zungen behaupteten, Mitglieder der illegalen KPD hätten ihre Finger im Spiel, aber das glaube ich nicht. Mein verstorbener Mann arbeitete damals bei der Politischen Polizei, und er war dieser Gruppe auf der Spur. Ich für meinen Teil glaube, dass die Werftenleitung möglicherweise Omiga 7 manipuliert hat, um den Mord an Jakubowski in Auftrag zu geben.“
Es war schon dunkel draußen geworden, als Kammeier fragte:
„Zwei Fragen. Wer waren die Mitglieder von Omiga 7? Und wen halten sie für den Mörder?“
Die alte Frau war etwas müde geworden vom Reden.
„Ich weiß, dass es damals bei der Politischen Polizei eine Akte über Omiga 7 gab. Mein Mann durfte mit mir nicht darüber reden. Aber er wusste viel mehr.“

 

14. Kapitel
An einem dunklen Abend im Dezember 1968 hatten sich sieben Personen in der „Hafenschenke“ an der Peene getroffen. An sich verkehrten hier sonst nur Marinesoldaten und Liebespaare. An diesem Abend war die Kneipe fast leer. Von der Tanzfläche hörte man die BeeGees mit „Massachusetts“. An einem Tisch weiter vorne saßen Oswald, Klaus, Ingrid, Detlef, Werner, Otto und die Nr. 7 zusammen. Sie berieten weitere Schritte im Kampf gegen den Korruptionssumpf in dieser Stadt. Sie nannten sich Omiga7.
Detlef ergriff das  Wort und sagte:
„Danke, dass Ihr gekommen seid, Freunde. Einer der  Großen in dieser Stadt, der sich korrumpieren lässt, ist der Betriebsratsvorsitzende unserer Werft. Aus geheimen Quellen weiß ich, dass er jeden Monat einen Scheck über 500 DM von der Werft bekommt, damit er das Geschäft des Kapitals unterstützt.“
Klaus Wind war der jüngste in der Runde. Aber er hatte schon viel Erfahrung im Betrieb gesammelt. Und er hatte gute Kontakte, andere als der Kommunist Detlef. Durch Zufall war er im Keller seines Hauses auf eine Akte gestoßen, die er im Keller von Günter Jakubowski gefunden hatte. Und er sagte:
„Jakubowski bekommt das Geld, weil er die Werftleitung erpresst. Der muss echt aufpassen, dass sie ihn nicht irgendwann abservieren. Der Junge pokert hoch. Die Werft hat damals die Aufträge für eine Reihe von Fischdampfern geschmiert und Jakubowski hat davon erfahren.“
Otto genehmigte sich einen Absinth. Er hörte aufmerksam  zu, merkte sich alles und dachte an seinen Chef, der ganz genau wissen wollte, wer hier was gesagt hatte. Ich brauche das Geld, alles andere ist mir egal, dachte Otto.

Werner, der nervöse Versicherungsvertreter, meinte nur verächtlich:
„Es wird Zeit, dass man diesem Schwein das Handwerk legt.“
Er dachte dabei an seine süße Biggi, von der er das Gefühl hatte, dass sie mit Jakubowski ein Verhältnis hatte. Mit ihr hatte er den heißesten Sex seines Lebens gehabt, aber sie entglitt ihm immer mehr. Ja, dachte er, das Schwein muss weg. Egal warum.
Nr. 7 war ein großer, schwarzhaariger Mann mit schmierigen Haaren, der sonst ein Lachen wie eine Ziege hatte. Er hörte nur zu. Und er schwieg.
Ja, dachte er, hier bin ich richtig. Wir werden die Sache schon gemeinsam schaukeln.

Klaus Wind war  im Gegensatz zu seinem Vater kein Kommunist. Ihm wurde dies immer wieder nachgesagt, aber es stimmte nicht. Klaus gehörte zur APO, und er war überzeugter Gewerkschafter. Und wenn ihm in dieser Stadt etwas stank, dann waren es Vetternwirtschaft, Korruption und das Gefühl, dass die sogenannten Arbeitervertreter sein Vertrauen nicht wert waren. Gegenüber den Kommunisten hatte er viele Vorbehalte, sie waren ihm zu dogmatisch und zu festgefahren. Etwas Neues musste her.

Ingrid hatte sich alles angehört. Im Gegensatz zu ihrem Freund Günter hasste sie Ungerechtigkeit und Korruption. Aber sie hatte ihre ganz eigene Sicht der Dinge. Auch sie wollte, dass Jakubowski abgeschossen wurde. Es wurde Zeit. Sie hatte schon oft daran gedacht,  ihn zu verlassen. Aber seitdem er mit dieser Hure von nebenan  herummachte, war es endgültig aus. Sie hielt sein Lotterleben nicht mehr aus. Der ganze Mann war eine einzige Lüge. Sie nannte ihn Jaku. Und sie hasste den Mann, mit dem sie zusammen war. Und sie hasste sich dafür.

 

15. Kapitel
Freitag, der 13. Januar in Vandenburg am Nordmeer. An diesem Morgen erhielt Charly Kammeier endlich von der Politischen Polizei unter Kommissar Brinkmann die Akte Omiga 7. Während er den grünen  Aktendeckel öffnete, fiel sein Blick auf den Fischereihafen vor seinem Bürofenster. Es sah nach Schneeregen aus, nasskaltes Wetter und er dachte: bei diesem Wetter kriegt mich keiner vor die Tür.
Simone Schwarzkopf steckte ihren hübschen, charmanten Kopf neugierig durch die Tür und meinte:
„Na? Ist sie endlich gekommen?“
Er wollte eigentlich in Ruhe arbeiten, aber dann konnte er ihrem Charme nicht widerstehen und meinte:
„Das ist interessant, was sie hier schreiben.“
Sie setzte sich brav vor seinen Schreibtisch und verzichtete dieses Mal auch darauf, ihre schönen, langen nackten Beine provozierend übereinander zu schlagen. Sie war ganz dienstlich und sah ihn lächelnd an. Aber sie konnte Gedanken lesen.
Charly Kammeier begann zu lesen:
„Ist es uns in den letzten Monaten gelungen, einen Informanten in die Gruppe Omiga 7 einzuschleusen. Ursprünglich hatte sich eine Gruppe von Gerechtigkeitsfanatikern aus der Arbeiterpartei zusammengefunden. Diese Gruppe veränderte sich um unzufriedene Gewerkschaftler, junge Lehrlinge, die zur APO gehören. Seit ein paar Monaten hat sich die Gruppe stabilisiert und nimmt keine neuen Mitglieder mehr auf, soweit man von Mitgliedern sprechen kann. Der Konsens der jetzigen Mitglieder besteht darin, dass sie in dieser Stadt Korruption, Vetternwirtschaft und Parteibuchwirtschaft politisch und öffentlich anprangern wollen. Die Gruppe besteht aus Oswald, einem Mitglied der Arbeitspartei, Klaus einem radikalisierten Lehrling, Ingrid einer Lehrerin, auch Arbeitspartei, Detlef, Werftarbeiter,  und KPD-Mitglied, Werner, ein Versicherungsagent mit Parteiausweis der Arbeitspartei, Willi Penschel, Gewerkschaftsmitglied,  und  Otto, ein Uhrmacher, von der Arbeitspartei ausgeschlossen, weil er in der Partei laut gegen Vetternwirtschaft aufgetreten ist. Er arbeitet  für uns. Von Detlef vermuten wir, dass er ein U-Boot der KPD ist, von Willi vermuten wir, dass er Kontakte zur Werftleitung hat.“
Kammeier fuhr fort: „Der Bericht endet damit, dass sie schreiben, die Gruppe habe sich zum letzten Mal am 13. Mai 1969 getroffen. Die Gruppe beschloss mehrheitlich, den Bestechungsskandal um Günter Jakubowski öffentlich zu machen. Die Sitzung endete damit, dass Werner die Liquidierung solcher Schweine forderte und Ingrid meinte, es würde Zeit, dem Treiben von Jakubowski Einhalt zu gebieten. Nachdem Günter Jakubowski am 15. Mai 1969 ermordet in seiner Wohnung aufgefunden wurde, hat sich die Gruppe nicht mehr getroffen.“
Kommissarin Schwarzkopf hätte sich nun gerne eine Zigarette angesteckt, verzichtete aber darauf angesichts des Rauchverbotes in den Amtsstuben der Stadt. Sie sagte:
„Einer von den sieben Omigas könnte es gewesen sein.“
Charly Kammeier lehnte sich zurück. Es war Freitagnachmittag kurz vor 15 Uhr. Streng sah er seine Kollegin an und analysierte dann:
„Was wissen wir über die einzelnen Mitglieder von Omiga? Da ist Oswald Plessner, der früher als  Buchhalter bei der NORDMEER zusammen mit Hein Wind von der KPD gearbeitet hat.  Klaus Wind, parteilos, Gewerkschaftsmitglied, Kontakte zur Apo, geschasster Jugendvertreter der Kloppenburg-Werft. Wohnte im Hause des Mordopfers im 4. Stock. Hat ein starkes Motiv, weil Jakubowski an seiner Entlassung beteiligt war. Ingrid Müller,  Freundin von Jakubowski, wohnte mit ihm zusammen, wurde aber von J. betrogen, hat ein starkes persönliches Rachemotiv. Sie hat die Leiche gefunden. War auf Klassenfahrt zum Zeitpunkt des Mordes, angeblich.

Detlef Böhm, KPD, hatte immer mit J. heftige politische Auseinandersetzungen, dürfte aber nur die Rolle eines Beobachters haben,  mehr nicht. Werner Bock, frustriertes Arbeitsparteimitglied, vor allem aber ist er sauer, weil J. seine Freundin Biggi gevögelt hat. Willi Penschel, Abteilungsleiter bei der Kloppenburg, von ihm vermute ich, dass die Werftleitung ihn gesandt hat, um diesen Zirkel für ihre Ziele einzuspannen. Kloppenburg wollte J. beseitigt sehen. Und sie waren bereit dafür zu zahlen. Otto, der Uhrmacher und Absinth-Säufer, arbeitete für uns. Hatte aber auch einen enormen Hass auf J., weil dieser ihn bei jeder Gelegenheit gekränkt und gedemütigt hatte.“
„Tja“, meinte Simone, „da haben wir ja immer noch eine ganze Menge Verdächtige. Wer von denen lebt eigentlich noch?“
„Keine Ahnung“, meinte Kammeier, „aber ich  muss jetzt weg.“
Charly Kammeier stieg in seinen silbergrauen 3er BMW und schaltete das Autoradio ein. Radio Vandenburg meldete, dass die Hamas eine 18monatige Waffenruhe verkündet hatten. Tja, dachte er, das wäre zu schön um wahr zu sein. Als er die Stimme des neuen Wirtschaftsministers in einem Interview hörte, musste er sich fast übergeben. Danach lachte er laut und fuhr ins Wochenende nach Hause. Er freute sich plötzlich auf den Karneval in Aldera am nächsten Tag zusammen mit seiner Maria.
Während er schöne Musik von Radio Vandenburg hörte, spulte sich in seinem Kopf ein Film ab. Er ging noch einmal seine Verdächtigenliste durch. Er dachte:
„Da sind zunächst einmal die zehn Mietparteien im Haus, von denen ich  nur unten links Werner Bock und unten rechts Ingrid Müller verdächtige. Weiter verdächtige ich den Untermieter im 2. Stock links, den Uhrmacher Otto Lehmann, und ganz oben rechts mit Vorbehalt Klaus Wind. Weiter haben wir die Mitglieder von Omiga 7: Oswald Plessner, Klaus Wind, Ingrid Müller, Detlef Böhm, Werner Bock, Willi Penschel und Otto Lehmann. Aus dem Zirkel Omiga7 könnte man den Detlef Böhm ausschließen, der war nur zu Spionagezwecken dort. Einige haben Doppelmitgliedschaft, die gehörten als Mieter zum Haus und gleichzeitig dem geheimen Zirkel an. Sie haben also doppelt starke Motive.“
Er rief Klaus Engelhardt an und beauftragte ihn über die Meldestelle herauszubekommen, wo die Verdächtigen aus dem Miethaus Nr. 34 und der Omiga jetzt wohnten und sich aufhielten.

 

16. Kapitel
Am Samstag des 14. Februar hatte der Kommissar lange geschlafen und viel geträumt, aber er konnte sich an nichts mehr erinnern. Er wusste, das es draußen kalt war und dass machte ihm schon schlechte Laune. Charly Kammeier hasste den Winter und die kalte Jahreszeit. Wenn es nach ihm gegangen wäre,  hätten sie in Vandenburg das ganze Jahre über mallorquinisches  Wetter  haben können. Es hatte in der Nacht wiederum gefroren, das konnte er an den Autos erkennen. Das Außenthermometer zeigte -3,8°C. Aus dem Radio hörte er einen alten Schlager aus den 60er Jahren, er konnte gar nicht mehr sagen, wie die Gruppe hieß. Er war alles schon so lange her und viele Dinge hatte er in seinem Alter vergessen.
Maria schlief tief und fest und Kammeier beneidete sie um ihren tiefen Schlaf.
Er holte sich einen frischen Kaffee aus der Maschine und setzte sich an seinen Schreibtisch.
Heute ist Karneval in Aldera, dachte er, bei diesem kalten Sauwetter. Ich weiß nicht, ob ich da wirklich hin will bei diesem kalten, nassen Wetter. Man holt sich vielleicht den Tod.
Auf dem Schreibtisch links lag die grüne Akte von der Politischen Polizei. Er  hatte noch am Vortag Klaus Engelhardt beauftragt, die Adressen der Verdächtigen herauszufinden und ihm eine Liste zu schicken. Dann fiel ihm wieder ein, dass in der ehemaligen Wohnung Jakubowski Spuren gefunden worden waren, die man damals nicht zuordnen konnte. Sie hatten jetzt in Vandenburg die zentrale Erfassungsstelle für Spuren, vielleicht konnte man die Fingerabdrücke und die Spuren vom Hals dort hinschicken und abgleichen lassen. Er schickte Engelhardt eine Mail ins Büro und beauftragte ihn, auch dies zu erledigen.
Laut sprach er mit sich selbst: und was ist, wenn Kloppenburg diese Omiga 7 instrumentalisierte? Jemand konnte 10.000 DM gebrauchen, und hatte genug Hass und Rache gegen Jakubowski. Die Kloppenburg-Werft war danach diesen unbequemen Betriebsrat los gewesen. War er wirklich unbequem gewesen? Er hatte die Werft erpresst, er musste weg. Natürlich konnte es auch ganz anders gewesen sein.

In seinem inneren Ohr hörte er schon die Sambatrommeln von Aldera. Seine Tränensäcke waren auf merkwürdige Weise geöffnet. Er kannte sich, wenn erst die Trommeln ertönen würden, gab es kein Halten mehr. Vor Freude würde er überfließen und sich in Tränen ergießen. Ein richtiger  Samba-Orgasmus.

Tatsächlich erlebten sie den Karneval in Aldera als musikalischen Orgasmus. Die Straßen war in rot gekleidet, viele schöne Frauen waren unterwegs. Kommissar Kammeier kämpfte mit kalten Füßen, während die südamerikanischen Sambarhythmen einheizten. Als der Kommissar am Abend wieder einmal die sieben Aktenordner des Falles J. ansah, bemerkte er mit Erstaunen, dass er sich bisher noch gar nicht für die Alibis der damals Verdächtigen interessiert hatte. In Ordner 3 wurde er fündig.
Es war bereits 20.22 Uhr, als sich der Kommissar an die Arbeit machte.

Die Liste der Verdächtigen begann mit dem Mieter Franz-Kafka-Straße 34 Parterre links Werner Bock. Bock hatte behauptet, den ganzen Abend und die ganze Nacht mit seiner Frau Biggy  in der eigenen Wohnung zusammen gewesen zu sein. Dies hatte Biggy zunächst bestätigt, später aber musste Biggy einräumen, ab 17 Uhr bei Jakubowski zu  Besuch gewesen zu sein. Ja, sie hatte mit ihm Sex gehabt. Sie sei aber schon gegen 20 Uhr in ihre gemeinsame Wohnung zurückgekehrt. Ab dann gaben sie sich gegenseitig ein Alibi.

Die Lehrerin und Freundin des Opfers gab an, am 15. Mai 1969 nachmittags gegen 15 Uhr nach Hause gekommen zu sein. Frau Merkel, Ehepaar Urspruch, Frau Merkel, Frau Tenne und Familie Offermann stufte die Kripo als unverdächtig ein. Der Untermieter von Frau Knape, Otto Lehmann, war am Abend des 14. Mai in der Kneipe „Seppl Kein“ gewesen und erst spät nach Hause gekommen gegen 1 Uhr. Frau Knape hatte ihn nicht nach Hause kommen hören. Otto hatte kein Alibi. Die  Familie Möller im II.Stock rechts wurde ebenso als unbelastet eingestuft.

Kommissar Sawallas Hauptverdächtiger Klaus Wind hatte nach Aussage seiner Mutter und dies wurde von Frau Urspruch bestätigt, gegen 7.10 Uhr das Haus Richtung Werft verlassen, um seine Entlassung zu klären. Dessen Vater Hein Wind verließ gegen 6.30 Uhr das Haus, ging in den Keller um sein Rad zu holen und wurde dabei,  beim Verlassen des Hauses von Frau Merkel beobachtet.

Detlef Böhm, der Kommunist, befand sich am 15. Mai gegen 7 Uhr schon auf der Werft. Dies konnten fünf Kollegen bestätigen.

Ja, dachte Kammeier, das ist ja alles ganz interessant. Bleiben uns noch die restlichen zwei Mitglieder der Gruppe Omiga 7, Oswald Plessner und die Nr.7 Willi Penschel, die noch nicht zur Gruppe der Verdächtigen gehörten. Die müssen wir auch noch vernehmen.
Er setzte sich an seinen PC und schrieb einen digitalen Vermerk für sein Büro. Er verschickte die Notiz per Mail an seine Büroadresse durchschriftlich seine Kollegen Engelhardt und Schwarzkopf.

Der Kommissar atmete durch und begann zu schreiben:


„Aktenvermerk in der Sache Jukubowski, 14. Februar:

Werner Bock hat kein Alibi. Ich vermute, dass Biggy Bock die ganze Nacht bei Jakubowski war. Biggy Bock gab an, bei ihrem Mann gewesen zu sein, sie könnte aber auch bei Jaku gewesen sein, da das Opfer noch eine Stunde vor seinem Tod Sex hatte. Mit wem sonst als mit Biggy? Damit käme Biggy in den Kreis der Hauptverdächtigen. Aber sie hat kein Motiv.

Ingrid Müller könnte auch schon einen Tag eher nach Vandenburg zurückgekehrt sein. Wo hat sie sich bis zum 15. Mai 1969 7Uhr aufgehalten? Sie hat kein Alibi. Sie hatte Schlüssel zur Wohnung. Sie hat zwei Motive: Gerechtigkeit und sie wurde betrogen.

Der Uhrmacher Otto hat ab 1 Uhr nachts kein Alibi und er gehörte zur Omiga 7, allerdings nur als Agent der Polizei. Dafür hatte ihn J. oft gekränkt.
Hein und Klaus Wind haben ein relativ gutes Alibi.

Oswald Plessner und Willi Penschel kommen als Mitglieder von Omiga7 ebenfalls auf die Verdächtigenliste.

Engelhardt soll für die sechs Verdächtigen den Aufenthaltsort, Adresse, Telefon-Nummer und Arbeitgeber ermitteln.

Ein wenig musste der Kommissar schmunzeln. Wenn seine Theorie stimmte, war der Ermordete nach Sex mit  Biggy verstorben, und als die Polizei kam, spielte im Radio Samba.
Sex und Samba.

 

Gegen 21.30 Uhr setzte sich der Kommissar mit seiner Maria vor den Fernseher um abzuschalten. Er legte die Beine hoch und versuchte den Film zu genießen. Bald nickte er ein und schnarchte laut. Er träumte davon, wie Bicki hemmungslosen Sex mit Jaku hatte, Kammeier saß hilflos daneben und musste zuschauen, plötzlich betrat Jakus Freundin die Wohnung und überraschte die beiden. Sie stellte den Gasofen an und öffnete ihn. Leise entwich das Gas.

Dann wieder träumte er, dass Penschel der Müller viel Geld gab und dabei grinste. -Der Film mit dem Landarzt ging grade zu Ende. Gott sei Dank sie hatten sich gekriegt.

 

 

17. Kapitel
Es war schon sehr spät am Abend des 15. Februar, genauer gesagt 22.45 Uhr, als das Handy von Kommissar Kammeier klingelte. Er wollte an sich nicht mehr ans Telefon gehen, dachte dann aber, es könne sein Kollege Engelhardt sein. Der Anrufer hatte seine Rufnummer unterdrückt, was Kammeier misstrauisch machte. Am Telefon war ein älterer Mann und der Kommissar hatte das vage Gefühl, den Anrufer zu kennen. Der Anrufer sagte:
„Guten Abend, Kommissar Kammeier, Entschuldigung, dass ich so spät anrufe, aber ich habe grade vor 5 Minuten wichtige Informationen für Sie bekommen. Erstens, ich bin derjenige, der bei der Bezirksregierung bewirkt hat, dass der Fall Jaku wieder aufgerollt wird.
Zweitens, ich weiß aus bestimmten Quellen, dass es Leute gibt, denen es gar nicht schmeckt, dass Sie den Fall wieder aufrollen. Diese Leute schrecken vor nichts zurück, auch nicht vor weiteren Morden. Diese Kräfte wollen auf jeden Fall und mit allen Mitteln verhindern, dass heraus kommt, wer den Mord in Auftrag gegeben hat. Und diese Leute werden auch nicht davor zurück schrecken, Sie zu ermorden.“
Kommissar Kammeier wollte grade sagen:
„Klaus bist Du es?“
Das wurde schon wieder aufgelegt.

Fassungslos saß er da. Er musste zugeben, dass dieser Anruf ihm Angst gemacht  hatte.
Er setzte sich zu seiner Frau Maria ins Wohnzimmer und redete mit ihr. In dieser Nacht schlief der Kommissar unruhig.

 

18. Kapitel
Als Charly Kammeier am Morgen des 16. Februar die Zeitung aufschlug, fand er die Zeitung wie immer langweilig. Nur auf der Seite mit den Todesanzeigen wurde er stutzig. Oswald Plessner war in einem Pflegeheim verstorben? Ein Verdächtiger weniger.
Woran ist der Mann verstorben?
 War es ein ganz normaler Tod oder hatte jemand nachgeholfen?

Im Laufe des Morgens klingelte er im Pflegeheim durch, telefonierte mit dem Arzt, der den Totenschein ausgestellt hatte und kam zu dem Schluss, dass Plessner eines ganz normalen Todes verstorben war.
Solch ein Zufall, dachte Kammeier und machte sich einen digitalen Vermerk.

Den ganzen Tag  regnete es in Vandenburg.

Gegen Mittag kam Klaus Engelhardt mit einem freudigen und geheimnisvollen Gesicht zu  Charly Kammeier ins Büro. Engelhardt legte ihm eine Adressenliste auf den Tisch. Kammeier las laut:
- Werner Bock, Franz-Kafka-Straße 34

- Birgit (Biggy) Bock, Hafenstraße 174

- Ingrid Müller- Bock, Franz-Kafka-Straße 34

- Otto Lehmann, Pflegeheim Meyer, Bernd-Fischer-Straße 72

- Willi Penschel, Kurt-Baumeister- Straße 15

Die beiden Männer sahen sich grinsend an und Engelhardt meinte:
„Wen zuerst?“
Kammeier lachte:
„Den, der uns zuerst stirbt, Otto Lehmann.“

Eine Stunde später betraten Engelhardt und sein Chef ein altes krankhausartiges Gebäude in der Bernd-Fischer-Straße. Sie fragten in der Verwaltung nach. Die Dame sagte freundlich Wohngruppe 1. Als Kammeier den langen Flur betrat, war weit und breit keine Schwester zu sehen. Das Büro war abgeschlossen. Lange mussten sie suchen, bis sie eine Putzfrau antrafen, die zwar gut polnisch sprach, aber kein Wort deutsch. Sie machte den Männern ein Zeichen. Sie betraten das Zimmer und eine barsche Stimme rief: warten Sie draußen.
Als die Altenpflegerin wieder den Flur betrat, stellte Kammeier sie vor.
„Kripo, Kammeier und  Engelhardt, wir möchten zu Herrn Lehmann.“
„Gehen Sie gerade aus, Zimmer 14, ich komme auch gleich.“
Kommissar Kammeier betrat zuerst das helle Zimmer. Er war erschrocken, denn auf dem Tisch standen zwei fast leere Flaschen Absinth. Otto Lehmann lag wie tot im Bett. Kammeier fühlte seinen Puls, aber er konnte nichts spüren.
„Ruf den Notarzt und einen Krankenwagen, der Mann stirbt an Alkoholvergiftung.“

 

Otto Lehmann, der Alkoholiker, verstarb noch auf dem Weg ins Krankenhaus.

Gegen 14 Uhr kamen sie wieder im Büro an und Kammeier dachte endlich daran, seinem Mitarbeiter von dem anonymen Anruf auf seinem Handy zu berichten.
Klaus Engelhardt meinte nur:
„Dann müssen wir jetzt ja auf Dich aufpassen.“

 

Als Charly Kammeier am Abend spät nach Hause kam, hatte Maria ihm einen Brief auf Tisch gelegt, kein Absender, dafür deutliche Worte:
„Kommissar Kammeier, lassen Sie die Finger vom Fall Jakubowski, Sie sind sonst Morgen ein toter Mann. Wir haben Sie im Visier.“
Maria sah ihren Mann besorgt an.
Kammeier meinte:
„Zwei unserer Verdächtigen Oswald Plessner und Otto Lehmann sind ganz zufällig jetzt verstorben. Der eine stand heute in der Zeitung und den anderen fanden wir im Pflegeheim nach dem Konsum von zwei Flaschen Absinth mit einer Alkoholvergiftung im Bett vor. Er ist auf dem Weg ins Krankenhaus verstorben.“
„Mensch Charly, sei vorsichtig, ich brauche Dich noch.“
Während sie die Nachrichten im ZDF schauten, gab es einen Knall. Jemand hatte von der Straße einen Stein gegen ihr Wohnzimmerfenster geworfen. Als Kammeier aus dem Fenster schaute, sah er einen Wagen davonfahren. Charly musste sich selbst gegenüber einräumen, dass ihm die Drohung nicht egal war. Sie wussten, wo er privat wohnte. Das war ganz schlecht.

 

19. Kapitel
Fischereihafen von Vandenburg. Morgendliche Sitzung der Mordkommission „Jaku“.
Es war kurz vor 9 Uhr als Engelhardt, Schwarzkopf und Kammeier in dessen Büro zusammensaßen. Simone Schwarzkopf meinte zu ihrem Chef:
„Charly, ich will Dir nicht zu nahe treten, aber ich finde, wir sollten Dich aus der Schusslinie nehmen nach den Drohungen gegen Dich. Wenn dieser Anrufer Klaus Wind aus Vandenburg war, wärest Du auch eventuell befangen.“
Kommissar Kammeier warf Simone Schwarzkopf einen missbilligenden Blick zu und meinte:
„Wir machen weiter wie bisher. Klaus, Du hast gestern diesen Werner Bock vernommen. Was ist dabei heraus gekommen?“

Na gut, dachte Engelhardt, räusperte sich und meinte dann:
„Er hat mir seine  Lebensgeschichte erzählt. Dass Biggy  seine große Liebe war. Aber es war wohl doch nur eine erotische Beziehung und sie hatten zu wenige Gemeinsamkeiten. Sie lebten auf einer Insel. Von der großen Liebe blieben die schönen sexuellen Erlebnisse. Sie hatte gleich am Anfang zu ihm gesagt: ich bin ein Schmetterling. Und gemeint hatte sie: ich werde weiterfliegen und Dich verlassen. Und sie hat ihn verlassen. Bald hatte sie eine Beziehung mit Günter Jakubowski. Das alles fand ich wenig interessant. Besser war schon als er anfing, über das  Leben von Biggy zu erzählen. Sie arbeitete im Büro der Kloppenburg-Werft und sie kannte Penschel. Da wurde ich hellhörig. Sie wollte sich eine eigene Wohnung nehmen und sie brauchte Geld.
4 Wochen nach dem Tod von Jaku ist Biggy ausgezogen.
Danach hat er sich nach und nach mit Ingrid Müller angefreundet. Sie beiden haben viel zusammen unternommen und irgendwann hat es geknallt. Das ging einige Jahre gut. Später stritten sich nur noch, rieben sich aneinander und trennten sich.
Nun ist Werner Bock alleine, ein alter verbitterter Mann.“
Kommissar Kammeier sah nachdenklich, aus als er Simone Schwarzkopf fragte:
„Hast Du diese ominöse Birgit Bock auftreiben können, Simone?“
Die schöne Simone sah aus dem Fenster und träumte.
„Ja, ich habe sie gefunden. Sie  hat ein bewegtes Leben hinter sich. Als junge Frau Anfang zwanzig hat sie wohl häufig ihre Männer gewechselt. Sie wollte sich nicht vielleicht nicht binden. Sie war sehr attraktiv, eine kleine schlanke Kindfrau. Später hat sie Werner Bock geheiratet, aber irgend etwas fehlte ihr. Sie träumte von einem Mann, der Geld hat und dass sie nicht mehr arbeiten musste. Sie glaubte zeitweise, in Jaku diesen Mann gefunden zu haben. Aber sie hatte sich getäuscht. Jaku benutzte sie nur. Das ging eine Weile gut. Dann lernte sie einen anderen Mann kennen, der einen guten Job hatte, und in einer Villa wohnte. Der bot ihr 10.000 DM, wenn sie Günter Jakubowski aus dem Weg räumte. Sie lehnte dies ab.
Biggy ist heute fast 60 Jahre alt. Sie bewohnt eine kleine Wohnung in der Hafenstraße 174. Ehrlich gesagt, ich glaube ihr die Geschichte nicht.
Mein Verdacht ist, dass sie in jungen Jahren sich prostituiert hat und später jemand suchte, der sie aushielt. Diesen hat sie wohl gefunden, aber sie gibt es nicht zu und spricht auch nicht drüber.“

„Gut“, meinte Kammeier, „Klaus Du nimmst Dir heute diese Ingrid Müller vor. Die Fragen sind klar. Ich will wissen, wie es mit ihrem Alibi aussieht. Wo war sie am Tag vor dem Mord. Ende der Sitzung. Leute an die Arbeit.“
Als Kommissar Engelhardt gegen 10.30 Uhr das Büro verließ, schlenderte er eine Weile am Hafenbecken entlang.

Ich muss nachdenken und frische Luft holen, dachte er. Als er so dahin schlenderte, hätte man ihn von weitem mit seinem Chef verwechseln können. Neben ihm tauchte plötzlich ein alter grauer Mercedes mit hoher  Geschwindigkeit auf. Das Beifahrerfenster wurde heruntergelassen. Und ein Mann schoss mit einer automatischen Waffe auf Engelhardt.
Tack, tack, tack, tack, machte es. Klaus Engelhardt brach schwerverletzt zusammen.
Später fanden ihn Passanten, riefen Polizei und Krankenwagen an.

Am Abend erhielt Charly Kammeier einen Anruf von der Intensivstation des Klinikums. Die Ärzte hatten den Kollegen in ein künstliches Koma versetzen müssen, da seine Lunge verletzt war und nicht arbeitete.
Ja, dachte Kammeier, das war eine sehr deutliche Warnung an mich. Die meinten mich.

 

20. Kapitel
Am Morgen des 21. Februar wachte Charly Kammeier ausgeschlafen gegen 6 Uhr auf. Er wollte nicht aufstehen, wünschte sich noch weiter zu schlafen, aber da war nichts zu machen. Schließlich stand er auf, brühte sich in der Küche einen heißen Kaffee und hörte aus dem Radio Phil Collins. Er setzte sich an seinen Schreibtisch und dachte nach. Sein Chef van Heukelum machte  Druck. Sie sollten den verdammten Fall endlich aufklären.
Zwei Tote und ein angeschossener Kommissar, das reicht, werden sie endlich aktiv, hatte er gesagt.
Der tut so, als hätten wir die ganze Zeit nichts getan. Der kann gut reden, dachte der Kommissar.
Aus dem Radio kam ein Lullibulli-Lied.
Es war 6.47 Uhr und draußen herrschten fast milde Temperaturen mit +2,3°C.
Hoffentlich ist der Winter bald vorbei.
Draußen war es noch stockdunkel.
Die Straßen waren nass. Es  hatte wohl in der vergangenen Nacht geregnet.

Die Vernehmung von Ingrid Müller werde ich jetzt selbst übernehmen müssen. Was ist eigentlich mit der Spuren-Auswertung? Je länger ich darüber nachdenke, umso mehr habe ich das Gefühl, dass eine der beiden Frauen etwas mit dem Mord zu tun hat. Biggy Bock oder Ingrid Müller.
Aber da ist noch der große Unbekannte im Hintergrund. Könnte es Penschel sein? Ingrid Müller war schon einen Tag vor dem Mord wieder in Vandenburg. Absicht oder Zufall?

Sie konnte mit ihrem Schlüssel in die Wohnung gegangen sein, hatte die beiden beim Sex überrascht und den Gashahn aufgedreht und war wieder gegangen. Und sie hatte das Geld von Penschel kassiert.
Oder es war anders gewesen. Biggy war die Nacht über bei Jakubowski gewesen, sie hatten Sex gehabt und sie hatten die Flasche Absinth zusammen geleert. Am Morgen dann hatte sie ihn im Schlaf erwürgt,  hatte den Gashahn aufgedreht und war gegangen, um sich die 10.000 DM von ihrem neuen Geliebten zu holen. Dann war sie zu ihm gezogen.
Wer steckte hinter dem Tod an Otto Lehmann, der Mann hatte sich doch nicht selbst den Alkohol besorgt, oder? Der Zeitpunkt war verdächtig. Und wer war der unbekannte Anrufer abends auf seinem Handy gewesen. Kammeier tippte immer noch auf Klaus Wind.
Soviele Fragen.
Seine Frau Maria schlief noch tief und fest. Sie ließ sich auch nicht von der Musik im Wohnzimmer irritieren.

Der Mordanschlag auf seinen Kollegen Engelhardt hatte ihn schwer getroffen. Kammeier hatte Klaus Engelhardt schon auf der Intensivstation besucht, aber er war noch nicht ansprechbar gewesen. Nun mussten Simone Schwarzkopf und er den Fall alleine lösen.

Es war schon 7.15 Uhr, als ihm bei einem Lied von Simon und Garfunkel der Gedanke kam, dass es eine ganz andere Lösung gab, als Penschel im Hintergrund, der eine der beiden Frauen für den Mord angeheuert hatte.
Ja, sagte er laut, so könnte es gewesen sein. Dabei grinste er.

 

Nach dem gemeinsamen Frühstück stieg er in seinen silbergrauen Bangle-BMW und hielt einige Minuten später vor dem Haus Franz-Kafka-Straße 34. Er klingelte an dem Türschild unten rechts. Er wusste, dass hier Ingrid Müller wohnen musste. An dem Schild stand aber weder der Name Müller noch Bock. Auf dem Schild stand der Name „Stachowski“. Auf sein Klingeln hin wurde ihm geöffnet. Im Treppenhaus stand eine kleine, zarte, ältere Frau mit rotgefärbten Haaren, sie war immer noch schlank und  hatte diesen messerscharfen Blick eines Menschen, der  viel mit Menschen zu tun hat. Sie lächelte freundlich.
Der Kommissar stellte sich vor und sagte:
„Ich ermittle in der Mordsache Günter Jakubowski. Kann ich mit Ihnen reden?“

„Ja, ich habe davon gehört, dass der Fall wieder aufgerollt wird. Haben Sie denn Hoffnung, nach so langer Zeit noch neue Spuren zu finden?“
Sie machte ihm ein Zeichen herein zu kommen. Nachdem er sich gesetzt hatte, meinte er zu Frau Müller:
„Sie wohnen hier unter falschem Namen.“

„Ach, ich hatte damals die Nase voll von dieser Sache und habe meinen Mädchennamen wieder angenommen. Ich war  bereits einmal vorher verheiratet gewesen, aber nur ganz kurz.“
Sie stellte ihm eine Tasse frisch gebrühten Kaffee hin. Und der Kommissar begann zu fragen:
„Wie gesagt, wir ermitteln erneut im Mordfall Jakubowski. Frage, wo waren sie am Tag des 14. Mai 1969. Sie waren einen Tag vorher vom Schulausflug wegen Krankheit zurückgekehrt. Warum?“

Ingrid Stachowski rutschte nervös auf dem Sofa herum. Sie blickte ihn an, dann suchte sie im Raum nach einer Lösung. Schließlich begann sie leise zu erzählen:
„Günter hat mich monatelang mit dieser Hure von nebenan betrogen. Ich glaube, sie nahm sogar Geld dafür.“
Kammeier spürte ihren Hass.
„Es ließ mir keine Ruhe und ich bin einen Tag eher nach Hause gefahren und habe sie abends auf frischer Tat erwischt.“

„Wann war das etwa, als sie die beiden dort antrafen?“
„Es muss so gegen 18 Uhr gewesen sein.“
„Und was passierte dann?“ wollte der Kommissar wissen.
Sie wurde zutraulich und redete nun einfach drauf los, als wäre ihr alles egal. Vielleicht war sie froh, die Sache endlich jemand erzählen zu können.
„Ich bin wütend zu meiner Mutter zurückgefahren und habe geschworen, Biggy umzubringen. Und ihn vielleicht auch noch. Gleich am nächsten Morgen in der Frühe wollte ich hin und die beiden umbringen.“

„Und wie ging es weiter?“ wollte der Kommissar wissen.
„Sie wissen ja sicherlich von unserem geheimen Zirkel damals, der Omiga 7-Gruppe. Dort hatte Penschel von der Kloppenburg-Werft demjenigen 10.000 DM versprochen, der Jaku umbringt. Ich brauchte Geld. Und ich dachte an dem Abend daran, Jaku umzubringen und das Geld zu kassieren. Aber es kam alles ganz anders. Ich bin zu meiner Mutter zurückgekehrt und habe mit ihr geredet. Sie hat mich wieder zur Vernunft gebracht. Obwohl es mir sehr schwer fiel. Am Nachmittag des 15. Mai bin ich dann doch hingefahren und rein in die Wohnung. Da saß Günter dort auf dem stuhl, splitternackt mit Würgemalen am Hals und es roch  nach Gas. Ich habe spontan gedacht, dass die Hure von nebenan ihn ermordet hat. Dann habe ich die Polizei gerufen.“
„Und ihre Mutter kann bezeugen, dass sie in der Tatzeit bei ihr waren?“
„Meine Mutter ist leider letztes Jahr verstorben.“
Kommissar Kammeier war sich unsicher, ob er der Lehrerin einen Mord zutraute.
Er dankte ihr für die Auskunft und ging. An der Tür drehte er sich um und fragte:
„Was glauben Sie denn, wer Günter Jakubowski ermordet hat?“
Ingrid Müller geborene Stachowski sah ihn überrascht an.

Dann fasste sie wieder Tritt und sie antwortete:
„Das hat die kleine Hure von nebenan für ihren Herrn und Gebieter getan.“
„Was, was?“ stottert Kammeier.
„Was meinen Sie damit?“
Im oberlehrerhaften Ton meinte sie etwas anmaßend:
„Na hören Sie mal, Sie sind aber naiv. Die Biggy hat sich doch damals hier durch die Gegend gevögelt und dafür gut Geld genommen. Bis sie an diesen Widerling von Penschel kam, dieses Riesenarschloch, was damals zusammen mit Jaku dafür sorgte, dass Klaus Wind aus dem Betrieb flog. Der Penschel war sexy, der hatte Geld und dem wurde sie dann hörig. Biggy machte für Penschel und für Geld alles.“
Ingrid Müller hatte sich in Rage geredet und war richtig aufgeregt.
Charly Kammeier stand stumm da und beobachtete die Müller.
„Der Jakubowski scheint sie ja damals schwer gekränkt zu haben, dass sie immer noch solch einen Hass auf Biggy Bock haben.“
„Das ist richtig, mich hat damals aber auch geärgert, dass sie den Klaus verdächtigt haben, wo der doch nun gar nichts dafür konnte. Der Klaus war ein guter Junge. Der hat sich richtig gut raus  gemacht,  hat jetzt einen Job bei der Angestelltenkammer in Aldera.“

Der Kommissar lächelte süffisant. Und meinte dann wie beiläufig:
„Sie waren doch damals auch in dieser  Gruppe Omiga 7 zusammen mit Klaus Wind. Haben Sie noch Kontakte zu Omiga 7?“

Sie setzte sich, steckte sich eine Zigarette an und holte tief Luft.

Sie reagierte aber schnell und meinte nur:
„Omiga 7 hat sich nach dem Mord an Jaku aufgelöst.“

Gegen 11 Uhr verließ Kammeier das Haus Nr. 34.

Nachdem Kommissar Kammeier gegangen war, griff Ingrid Müller zu ihrem Handy und rief einen alten Bekannten an. Da war gleich wieder dieses schöne vertraute Gefühl, als sie seine Stimme hörte.

„Er war hier. Ganz schön neugierig der Kommissar.“
„Und wen verdächtigt er? fragte die männliche Stimme am anderen Ende.
„Ich glaube, dass er annimmt, Biggy habe im Auftrag von Penschel gehandelt.“

Es war eine Weile still am Telefon.  Dann meinte der Angerufene:
„Sehen wir uns Ingrid? Wir besprechen alles weitere besser persönlich.“
Ingrid Müller blühte auf, wie jemand, die ihre große Liebe wieder sieht. Am Handy sagte sie:
„Kommst Du zu mir nach Vandenburg? Wir könnten uns in diesem Restaurant im Fischhafen -Der Segler- treffen.“

Klaus Wind war schon sehr lange mit Ingrid Müller befreundet. Es war immer eine Freundschaft gewesen, mehr nicht. Sie hatten sich gut verstanden. Er freute sich, wenn er sie sah und sie hatten immer gleich eine gewisse angenehme Nähe. Da Ingrid Müller eine kleine, zierliche Person war, hatte er immer das Gefühl, sie beschützen zu müssen. Sie kannten sich schon sehr lange und trotz der Höhen und Tiefen war sein Gefühl für sie immer stabil gewesen. Wie Ingrid Müller für ihn empfand, wusste er nicht.

 

21. Kapitel
Gegen Abend beschloss der Kommissar, Biggy Bock in ihrer Wohnung Hafenstraße 174 zu besuchen. Im Hauseingang war eine Klingelanlage. Hier fand er den Namen Bock. Als er das Haus betrat stand bei 1°C die Hoftür offen. An keiner Wohnung gab es ein Namensschild. Als er vor einer Wohnungstür im 1. Stock stand und vergeblich klingelte, öffnete ein Nachbar und meinte:
„Da können Sie lange klingeln. Sie ist nie Zuhause. Biggy hält sich immer bei ihrem Herrn und Meister, Herrn Penschel in der Kurt-Baumeister-Straße 15 auf.“
Kammeier wirkte etwas irritiert.
„Das ist so eine Redensart von ihr. Was es bedeutet, weiß ich auch nicht.“
Der Nachbar grinste.
Zehn Minuten später stellte Kammeier seinen Bangle-BMW vor  dem Haus Nr. 15 ab. Er betrat das weitläufige Grundstück. Er schätzte den Weg bis zum Haus auf dreihundert Meter. Aber nach einer Viertelstunde war er immer noch unterwegs, lief und lief, und das Haus kam nicht näher.
Ich habe doch nichts getrunken, dachte er.

Dann öffnete sich die Haustür und eine attraktive Frau trat heraus, sie war sehr schlank und schön. Beim Näherkommen bemerkte er, dass sie trotz ihrer koketten Art etwa 60 Jahre alt sein musste. Sie hatte keine Falten im Gesicht oder an den Händen. Sie standen sich gegenüber und Biggy testete ihre Wirkung auf den Mann. Es war ihr Lächeln und ihre kindliche Stimme, die ihn sofort gefangen nahm.
Sie wirkt sehr jung, dachte er. Aber sie ist älter.

Der Kommissar wurde dienstlich und sagte:
„Ich bin Kommissar Kammeier von der Mordkommission. Ich möchte Biggy Bock sprechen.“
Sie lachte laut und herzlich. Sie konnte richtig nett sein. Sie hatte Charme.
„Das bin ich Herr Kommissar“ und gab ihm ihre kleine zarte Hand.
„Können wir reden?“ fragte er harmlos. Sie aber antwortete mit einem koketten Lächeln:
„Da muss ich erst meinen Herrn und Gebieter fragen. Folgen Sie mir bitte.“

Sie stöckelte auf ihren hohen Absätzen und ihrem kurzen Rock vor ihm her. Kammeier konnte seine Augen nicht von ihren schönen Beinen lassen. Die Frau musste 60 Jahre alt sein, wieso? Wie eine 20jährige wackelte sie mit ihrem Po vor ihm her und machte ihn kirre.

Im Wintergarten saß  Willi Penschel als hätte er schon lange auf den Kommissar gewartet. Penschel war immer noch groß und schlank, nur grau war geworden, faltig  und alt. Kammeier schätzte ihn auf 70 Jahre alt. Penschel machte ein freundliches Gesicht. Er hatte eine Hakennase, die seinem Gesicht eine harte Form gab. Biggy hatte schon gedeckt, als hätten sie auf den Kommissar gewartet, wie auf einen lang ersehnten Gast.

Penschel sagte:
„Ich musste lange warten, bis Sie uns die Ehre erweisen, Herr Kommissar. Trinken Sie einen Absinth mit uns?“
Kammeiers Handy klingelte. Simone Schwarzkopf war dran:
„Hallo Charly, entschuldige bitte, dass ich Dich am Samstag abend Zuhause störe.“

„Keine Angst Simone, ich bin dienstlich unterwegs und unterhalte mich gerade bei einem Absinth mit Herrn Penschel und Frau Bock.“
„Ach, das ist ja interessant“ meinte sie.
„Ich habe schlechte Nachrichten. Wir haben vor einer Stunde einen Anruf aus dem Hause Franz-Kafka-Straße 34 bekommen. Nachbarn haben Werner Bock tot in seiner Wohnung gefunden. Er hatte  zusammen mit Ingrid Müller  Absinth getrunken. Wahrscheinlich eine Alkoholvergiftung. Ingrid Müller geht’s ganz gut.“
Kommissar Kammeier meinte zu seiner Kollegin:
„Ich kann jetzt nicht. Kümmere Du Dich bitte um die Angelegenheit.“
Simone Schwarzkopf wirkte aufgeregt, als sie sagte:
„Ich bin schon vor Ort. Sei vorsichtig Charly. Wir brauchen  Dich noch. Und lass die Finger vom Absinth.“
Charly Kammeier entspannte sich in dem Korbsessel, in dem er saß. Ein bisschen mulmig war ihm schon geworden. Aber er hatte die Absicht, die Sache jetzt hier durchzuziehen.

Biggy Bock setzte sich dem Kommissar gegenüber und schlug die Beine übereinander. Kokett lächelte sie ihn an. Es war wie eine Einladung. Kammeier hatte schon lange nicht mehr solche wohlgeformten und schönen nackten Beine gesehen. Die Frau ist doch 60, irgendwas stimmt hier nicht.

Aber Penschel sprach ihn an und meinte:
„Dann Prost und hob sein Absinth-Glas.“

Sie hoben ihre Gläser. Der Kommissar hatte den Geruch von Rasierwasser in der Nase. Dann spürte er den 66prozentigen Schnaps auf seiner Zunge. Es schmeckte nach Kräutern. Dann lief der Alkohol in den Magen hinunter.

„Tja“, sagte der Kommissar, „ich komme mal zu meinem Anliegen. Herr Penschel, wo waren sie am 15. Mai 1969 gegen 7 Uhr morgens.“
Penschel prustete los und verschüttete dabei etwas vom Absinth.

„Das weiß ich doch heute nicht mehr. Sie sind vielleicht lustig.“
Kammeier wurde ernst. Er sagte:
„An dem Tag wurde Günter Jakubowski ermordet. Und zwar morgens gegen 7 Uhr.“
Penschel hatte sich wieder gefasst und meinte:
„Entschuldigung. Natürlich. Ich erinnere mich, dass ich an dem Tag ziemlich spät zur Werft fuhr. Ich war bis etwa 8 Uhr Zuhause.“
„Kann das jemand bezeugen?“
„Meine damalige Haushälterin Maria Klamandt. Sie wohnt heute in der Reiner-Müller-Straße 2.“

Kommissar Kammeier hatte das erwartet. Er ging zur Offensive über:
„Ich gehe auch nicht davon aus, dass sie den unbequemen Betriebsratsvorsitzenden damals selbst umgebracht haben. Dafür hatten Sie ihre Leute wie Ingrid Müller, Biggy Bock oder noch jemand anderen.  Immerhin hatten sie in der Omiga 7  10.000 DM demjenigen angeboten, der Jaku ermordet.“

Penschel grinste ganz leise, fast unmerklich. Er schwieg und sah den Kommissar regungslos an.

Kommissar Kammeier fuhr fort:
„Günter Jakubowski starb am Morgen des 15. Mai 1969,  nachdem er  Sex mit Frau  Bock hatte, angeblich an einer  Gasvergiftung.  Er hatte Kratzspuren am Hals. Vor allem aber spricht sehr viel dafür, dass er in der Nacht zusammen mit Frau Bock eine Flasche Absinth leer gemacht hat. Vielleicht war es eine Alkoholvergiftung wie bei Otto Lehmann, der vor kurzem im  Altenpflegeheim starb.

Und heute Nachmittag hat man Werner Bock tot aufgefunden. Er  starb an einer Absinth-Vergiftung. Merkwürdige Zufälle, nicht wahr? Die Leute von damals, die etwas wissen, verschwinden langsam alle spurlos.“

Penschel nahm noch einen Schluck aus seinem Absinth-Glas und lächelte höflich und meinte:
„Und wir trinken auch gerade Absinth, dann sind wir wohl die nächsten, oder?“
Charly Kammeier wusste, dass er nichts gegen die beiden in der Hand hatte.

Dieser Penschel ist aalglatt, dachte er.

Dann versuchte er es auf die ganz dumme Weise. Er sagte zu Biggy, die etwas überrascht und irritiert aussah, nachdem sie von dem Absinth-Toten gehört hatte:
„Frau Bock, was haben Sie in der Nacht vom 14. auf den 15. Mai 1969 gemacht?“
Irgendetwas war passiert mit ihr. Jemand hatte ihren früheren Mann ermordet und Penschel saß unberührt da.

Sie sagte:
„ Ich war die ganze Nacht bei Günter Jakubowski. Wir haben gefeiert, gesoffen und hatten Sex. Wir haben eine Flasche Absinth zusammen leer gemacht. Davon habe ich allerdings höchstens zwei Gläser getrunken. Jaku hat die ganze Flasche fast alleine geleert. Am Morgen hatten wir Streit. Es gab eine  Rangelei. Irgendwann gegen halb  fünf Uhr bin ich endlich eingeschlafen. Gegen halb sieben Uhr bin ich rüber zu  Werner. Da schlief Günter wohl.“

Kommissar Kammeier leerte sein Schnapsglas mit Absinth.

Es kommt wohl auf die Menge an, dachte er. Er konnte Penschel nichts nachweisen und Biggy auch nicht.

Er stand auf, um sich zu verabschieden. Er fragte sich, wer wohl seine Hände im Spiel gehabt hatte bei den vielen Absinth-Toten.

Beim Hinausgehen wurde er von Biggy überholt. Sie sah jetzt wirklich wie 60 Jahre alt aus. Besorgt blickte sie ihn an. Sie sagte sehr leise:
„Herr Kommissar, ich habe  Angst, dass ich die nächste Tote bin.“
Charly Kammeier sah die Frau an. Sie war jetzt faltig und sah aus wie eine ganz normale 60jährige Frau. Hatte er Halluzinationen gehabt, oder war es sein Hormonspiegel gewesen? Da der Kommissar nicht reagierte, meinte sie wie eine Verschwörerin:
„Er hat sie alle auf dem Gewissen. Und ich bin die nächste. Der Mann muss weg.“

Kommissar Kammeier schwieg. Ein vages Gefühl sagte ihm, dass die Frau nicht wirklich gefährdet war.

Er verließ das Haus. Der Weg bis zum Gartenzaun betrug etwa 300 Meter. Auf dem Rückweg brauchte er für diese Strecke eine halbe Stunde. Er kam einfach nicht voran. Auf der Straße angekommen, suchte er seinen BMW vergeblich. Notgedrungen musste er den Weg nach Hause im Dunkeln zu Fuß antreten. Zeit zum Nachdenken.

Er dachte darüber nach, ob Penschel  Biggy dafür bezahlt hatte, dass die den Jaku ermordet hatte. Wie auch immer.

Oder wer steckte hinter den drei Absinth-Toten Otto Lehmann,  Werner Bock und Günter Jakubowski. Gab es noch jemand außer Penschel, der dass gemacht oder organisiert hatte?

Als er endlich nach Hause kam, war es schon spät.

Es war halb neun Uhr, als er sich mit Maria zusammensetzte.

Charly Kammeier sagte:
„Maria, tut mir leid, ich arbeite zu viel.

Kammeiers Handy klingelte zweimal. Als er ran ging, war niemand dran. Der Anrufer hatte seine Rufnummer unterdrückt. Er erzählte ihr von seinem Arbeitstag. Sie hörte sich alles geduldig an und meinte dann nur:
„Und wenn es nun doch Klaus Wind war?“

Kammeier sah sie überrascht an. Weibliche Logik, dachte er.
„Daran habe ich auch schon gedacht, aber warum sollte er?“
Sie sah ihn nachdenklich an und meinte:
„Enttäuschung über den Rausschmiss, Verletzt sein, Gekränkt sein. Gerechtigkeitsgefühl.“

Die Kammeiers sahen an diesem Abend zusammen einen harmlosen Liebesfilm. Zwischendurch unterhielten sie sich angeregt.

Gegen 22 Uhr klingelte das Handy des Kommissars erneut. Ein Anrufer mit einer unterdrückten Rufnummer war dran. Er ließ es klingeln.

 

 

22. Kapitel
Am Sonntag, den 22. Februar schlief der Kommissar länger als sonst. Die ganze Nacht hatte er von unbezahlten Rechnungen der AOK geträumt. Es ging um Eigenanteile, die noch bezahlt werden mussten. Der Kommissar aber war gar nicht Mitglied der AOK. Mühsam quälte er sich aus dem Bett, suchte den Lichtschalter und machte sich einen heißen Kaffee. Er stellte die Heizkörperventile höher und schaltete die Stereo-Anlage mit der Fernbedienung an. Mühsam suchte er seine Gedanken zusammen.
Ach ja, heute wollten wir eher aufstehen, weil Maria in Sagenhausen Pizza backen will.
Aus dem Radio hörte Kammeier die vertrauten Oldies von Radio Vandenburg. Mit 4,4°C war es draußen relativ mild. Und das Erstaunliche: es wurde schon hell. Das gefiel ihm.

Schade, dachte er, morgen müssen wir schon wieder arbeiten.
Heute würden sie nicht viel machen. Hausputz, gemeinsames Essen in Sagenhausen mit  Rollo, Ranna, Tenner und Swinje und Honka. Danach vielleicht ein Spaziergang irgendwo, um fit zu bleiben.

Erstaunlicherweise waren die Arbeit und der Fall weit weg gerückt. Er konnte nichts tun. Er dachte:
Das nächste, was ich tun muss, ist diesen Klaus Wind in Aldera vorladen und mit ihm reden. Vielleicht hat er mit dem Fall doch etwas zu tun. Diesem Penschel kann ich im Moment nichts nachweisen, außer dass er versucht hat, jemand mit Geld zum Mord zu verführen. Aber wo sind die Beweise? Die Spurenuntersuchung hatte nun ergeben, dass die Kratzspuren am Hals von Biggy stammten, aber deshalb musste sie ihn nicht ermordet haben?

Dann fiel es ihm wie von den Schuppen: wo war  eigentlich war der Obduktionsbericht der Pathologie von 1969? Bisher hatte er nur die Diagnose des Notarztes gelesen und die war dürftig.

 

23. Kapitel
Es herrschte grauer Himmel und die Straßen waren nass vom Regen, als  sich Ingrid Müller und Klaus Wind gegen Mittag im Fischhafen im Restaurant „Der Segler“ trafen. Klaus Wind war nicht mehr der 20jährige Auszubildende, der gegen Autoritäten und das Establishment protestieren muss. Er war älter geworden. In den letzten vierzig Jahren war viel passiert in seinem Leben. Aber an manche Dinge erinnerte er sich noch, als seien sie gestern passiert.
Es war schön, eine alte Freundin zu treffen, die er schon so lange kannte. Sie begrüßten sich herzlich, und Klaus umarmte Ingrid. Sie fühlte sich gut an. Er freute sich sie, zu sehen. Sie war immer noch die kleine, zarte Person, die er gerne beschützen wollte.

Klaus  Wind trug einen Vollbart und sah aus wie ein Seebär.

Das Lokal war nur halb besetzt. Am Nachbartisch saß ein freundliches, älteres Paar mit seinen beiden quirligen japanischen Enkeln.

Ein junger geschniegelter Kellner kam an ihren Tisch und fragte, was sie bestellen wollten.

Ingrid bestellte sich einen Salat. Während Klaus zum Kellner sagte:
„Ich nehme Rotbarsch mit Kartoffelsalat und ein Bier dazu.“

Ingrid Müller sah Klaus an und sie freute sich diebisch, dass er da war. Sie himmelte ihn an. Aber sie wollte nicht, dass er merkte, dass sie ihn liebte. Deshalb fing sie an zu reden. Sie erzählte von ihrer Arbeit in der Stadtteil-Initiative, von ihrem Leben als Pensionärin und von einer  Frauengruppe, sie sie besuchte.

Klaus Wind kannte das schon. Nach einer Weile unterbrach er sie freundlich und meinte:
„Und wie kommst Du in Deinem Mordfall voran, Frau Kommissarin?“
Sie lachte herzlich und antwortete:
„Werner Bock ist gestern verstorben. Wir hatten zusammen Absinth getrunken. Aber er konnte den Hals nicht voll kriegen. Wahrscheinlich eine Alkoholvergiftung. Schrecklich. Kommissar Kammeier war gestern bei mir. Ich glaube, er denkt, dass Biggy im Auftrag von Penschel den Mord an Günter begangen hat. Das merkwürdige ist, dass in den letzten Wochen mehrere Leute verstorben sind, die Günter Jakubowski kannten: Oswald Plessner ist verstorben und Otto Lehmann hat sich mit Absinth tot gesoffen im Pflegeheim. Und jetzt Werner. Alles sehr merkwürdig.

Klaus Wind hatte aufmerksam zugehört. Er meinte:
„Ich dachte, Jakubowski sei an einer Gasvergiftung gestorben damals.“

Ingrid Müller sah in ihn. Wie gut er aussah. Sie stellte sich vor, wie es mit ihm wäre. Sie sagte:
„Das dachte sie damals, aber der Pathologe sagt, er könne auch an einer Absinth-Vergiftung gestorben sein, und dann wäre Biggy mit ihm Spiel.“

„Und hat die Kripo sonst noch jemand im Verdacht, zum Beispiel Dich oder mich?“ er lachte verlegen und sah sie neugierig an. Draußen schob eine Gruppe Touristen am Fenster vorbei. Der Kellner brachte die Getränke.

Ingrid Müller sah ihren Freund an, mit dem sie sich mehr wünschte. Sie sagte leise:
„Das habe ich mich auch schon gefragt. Ich hätte ihn ja auch ermorden können. Nachdem ich die beiden abends erwischt habe, wie sie es zusammen getrieben haben, hätte ich ja morgens in die Wohnung rein gehen und den Gashahn aufdrehen können. Wer hätte das schon gemerkt. Naja, und Du mit Deinem Gerechtigkeitsgefühl, Du hattest doch das stärkste Motiv von allen. Vielleicht ist Biggy ja schon abends gegangen und Du hast die ganze Nacht mit ihm gesoffen und dafür gesorgt, dass er zu viel Absinth soff und starb.“

Klaus Wind sagte leicht lächelnd zu ihr:
„Vielleicht hast Du ihn ja umbracht, weil  Du mich liebst.“

Sie nahm seine Hand und berührte ihn. Und er fühlte sie, fühlte ihre Geborgenheit, ihre Nähe und es war wie ein Zauber.

Klaus Wind spürte auf einmal, was er lange verdrängt oder nicht beachtet hatte: sie gehörten zusammen. Er nahm seine andere Hand und legte sie auf Ingrids Hand. Da war es wieder und intensiv, dieses Gefühl, dieses unglaubliche Gefühl. Er sah sie an und sah ihren liebevollen Blick.

Wie sie ihn ansah.

Er stand auf und sie stand auf, sie nahmen sich in den Arm und auf einmal war alles klar.

Ingrid dachte: Ich liebe Dich. Ich habe Dich schon immer geliebter mein Süßer. Und ich habe es auch für Dich getan.
Klaus berührte ihr Gesicht und er küsste sie leicht und dann immer intensiver.  Dann löste er sich von ihr und sagte leise:
„Ingrid, ich liebe Dich. Aber ich glaube auch, dass  Du den Mord an Jakubowski begangen hast. Du hattest das stärkste Motiv von allen und konntest problemlos in die Wohnung hinein. Und dann hast Du einfach den Gashahn aufgedreht.“

Das Lokal war jetzt fast voll besetzt. Es war laut geworden und man konnte sich fast nicht mehr verstehen. Hören konnte Klaus  Wind nichts mehr, aber er sah, wie Ingrid an zu weinen fing. Sie schwor ihm bei ihrer Liebe, dass sie es nicht war.

 

24. Kapitel
Mittags im Kripobüro im Fischhafen. Kammeier  hatte nach langem Suchen endlich eine Kopie des Obduktionsberichtes des Pathologen Dr. Schramm gefunden. Der schrieb zusammenfassend damals: Günter Jakubowski war Alkoholiker und trank regelmäßig Absinth. Das wusste jemand, der ihm nahe stand, und darum unternahm der Mörder auch alles, dass er in der bewussten Nacht fast eine ganze Flasche Absinth alleine austrank. Der Pathologe äußerte die Vermutung: Sie machte ein Spiel mit ihm. Immer wenn er ein Glas Absinth getrunken hatte, zog sie ein Kleidungsstück aus.

Es ist auch möglich, dass Birgit Bock ihm den Alkohol einflößte. Gestorben aber ist er an einer Gasvergiftung. Es liegt die Vermutung nahe, dass Biggy Bock ihn mit Absinth bewusstlos gemacht hat und Ingrid Müller ihm den Rest gab mit dem Öffnen des Backofens. Am Backofen finden sich die Fingerabdrücke von Ingrid Müller, aber sie wohnte hier und hantierte öfters mit dem Backofen.

Auf den Obduktionsbericht von Dr. Schramm hatte der damalige Kommissar Sawalla handschriftlich vermerkt:
„Der Mordauftrag stammte von Werner Penschel.“

 

 

25. Kapitel
In der Villa Penschel ging es lustig zu. Werner Penschel saß in der Küche und  hatte Lust auf Biggy, aber seine Dienerin weigerte sich. Biggy sagte:
„Mein Herr und Gebieter, ich tue alles für Dich.“
Sie lächelte sexy und sehr charmant. Sie war wieder 20 Jahre alt, süß, zauberhaft und wunderschön. Er hatte die halbe Flasche Absinth ausgesoffen. Sie war streng zu ihm:
„Erst noch ein  Gläschen trinken mein, Gebieter, dann ziehe ich mein Hemdchen aus.“
Werner Penschel war schon schwer angetrunken. Aber er wollte sie jetzt. Er nahm noch einen kräftigen Schluck aus der Flasche und stierte sie an.

Biggy zog brav ihr Hemdchen aus. Nun stand sie da, fast nackt, man konnte ihren kleinen flachen Busen sehen, der ihn wahnsinnig machte. Sie wackelte mit ihrem Po und meinte  noch:
„Komm mein Gebieter noch einen Schluck, dann geht unser Sex besser. Noch einen kräftigen Schluck, dann ziehe ich auch meinen Slip aus.“
„Okay“, sagte Penschel  und stierte sie an, trank den Rest der Absinth-Flasche leer und sank abrupt  ins Koma. Plötzlich schlug er mit  dem Kopf vornüber und fiel auf den Boden. Dort lag er wie tot.

Die schöne Biggy streichelte ihren kleinen flachen Busen, zog ihren Slip aus und begann zu tanzen. Sie sang:
„Aber gerne doch mein Gebieter. Aber sofort mach ich es  Dir mein Gebieter.“
Sie spuckte auf ihn und trat nach ihm. Ganz langsam und deutlich sagte zu dem  bewusstlosen Werner Penschel, so als wüsste sie schon, dass er in wenigen Stunden sterben würde:
„Ich habe immer getan, was Du mir befohlen hast, mein Gebieter. Ich habe alle Deine Befehle ausgeführt, mein Geliebter. Ich habe Dich geliebt und ich war  Dir hörig.“

Biggy fasste sich an den Kopf, dann zwischen die Beinen und sagte im Singsang:
„Jetzt ist Schluss mit Unterdrückung. Jetzt ist  Schluss mit Lustig. Der Rest meines Lebens gehört mir.“

Sie zog sich aus, stellte sich unter die  Dusche um den Dreck der Unterdrückung und der Verletzung weg zu waschen. Dann  zog sie sich frische Sachen an. Sie durchsuchte das Haus nach Bargeld, seinem Autoschlüssel, nach seinen Kredit- und EC-Karten und  steckte seinen Personalausweis ein. Danach packte sie ihre Koffer, steckte ihr Handy ein und machte den Gas-Backofen an, so als ob sie gleich die Pizza reinschieben wollte. Sie ließ das Gas entweichen, entzündete das Gas aber nicht. Man hörte das Gas entweichen und sich verbreiten in der Küche. Sie schloss die Küchentür, damit das Gas in der Küche blieb. Dann schaute sie noch einmal auf den bewusstlosen Werner Penschel und sagte laut:
„Fahr zur Hölle!“

Danach bestieg sie grinsend in seinen Mercedes und fuhr nach Qindao, um sich dort ein Hotelzimmer zu mieten.

Auf dem Weg nach Qindao fragte sie sich, wer an allem Schuld gewesen war.

 

26. Kapitel
Am Morgen des 23. Februar betrat die Putzfrau Anna-Maria Gomez, wie jeden Tag die Villa Penschel. Sie war fröhlich gestimmt, während sie eine Zigarette rauchte. Kurz nachdem sie die Villa betreten hatte, gab es eine höllische Explosion. Frau Gomez war sofort tot.

Eine halbe Stunde später betraten Feuerwehr, Notarzt, Streifenwagen und Kriminalpolizei das Gebäude. Der Notarzt Dr. Uwe Laabs stellte den Tod von Werner Penschel fest. Seine Leiche war stark verkohlt und verbrannt. Es wurde eine Obduktion angeordnet. Der leitende Kommissar Kammeier vermutete, dass jemand vorsätzlich die Gasexplosion herbeigeführt hatte. Es wurde eine Fahndung nach Birgit Bock rausgegeben.

Die Spurensicherung fand die Reste einer Flasche Absinth. Und sie stellte im Keller des Gebäudes, der unbeschädigt blieb, Aktenordner, Kontoauszüge und Notizbücher sicher.

 

Am nächsten Tag gab der Pathologe seinen Bericht an Kommissar Kammeier.

Charly Kammeier meinte zu Simone Schwarzkopf:
„Mir stellt sich die Sache nach dem Bericht von Dr. Schulz so dar, dass Penschel eine Flasche Absinth getrunken hatte und schon im Koma lag. Danach hat ihn jemand mit Gas vergiftet. Dreimal darfst Du raten, wer das war.“

Simone Schwarzkopf lächelte und meinte:
„Sie hat es ihrem Gebieter mal so richtig gezeigt. Ich frage mich, ob sie es damals auch war. Ich meine, ob sie damals auch den Günter Jakubowski vergast hat. Bietet sich ja an, oder?“

Kommissar Charly Kammeier: „Wenn wir sie kriegen, nehmen wir sie in die Mangel.“
„Und wenn nicht?“ meinte Simone schnippisch und lachte.

 

27. Kapitel

Am Nachmittag des 24. Februar saß Biggy Bock in ihrem teuren Hotelzimmer im II. Stock mit Blick auf die Salzwiesen von Qindao und das Nordmeer. Sie hatte schon eine halbe Flasche Absinth geleert und lebte immer noch. Sie rauchte an einer Zigarette, was ihr Mühe machte. Sie schenkte sich bereits ein weiteres Schnapsglas ein.

„Pfui Deibel“, schimpfte sie, „das Zeug schmeckt ja ekelhaft.“
Sie lallte nur noch. Dann fiel ihr die Zigarette aus der Hand.

Sie nahm noch einen letzten Schluck von dem grünen Zeug, dann fiel sie vom Bett und lag volltrunken auf dem Boden. 18 Stunden später wurde sie vom Zimmermädchen tot vorgefunden. Der gerufene Arzt stellte Alkoholvergiftung fest.

Auf dem Zimmertisch lag ein Zettel mit Biggys Schrift:
„Lieber Kommissar, ich musste meinen  Herrn und  Gebieter Werner Penschel in die Hölle schicken. Aber Günter Jakubowski habe ich nicht umgebracht.“

Die Kommissare Schwarzkopf und Kammeier standen vor der Leiche von Biggy und lasen den Zettel. Simone Schwarzkopf und Charly Kammeier sahen sich an. Simone meinte:
„Dann bleibt ja nur noch Ingrid Müller.“
„Wer sagt mir denn, das sie es war?“ fragte Kammeier.
„Du  hast Recht, wir haben keine Beweise“, lenkte Simone ein.

 

28. Kapitel
Einige Tage später, genauer am 27. Februar erschien in den Vandenburger Nachrichten  ein Artikel auf der Regionalseite.

Die Überschrift lautete:

 

Drehte Lehrerin den Gashahn auf?
Am 15. Mai 1969 wurde der Betriebsratsvorsitzende der Kloppenburg-Werft ermordet in seiner Wohnung aufgefunden. Der Obduktionsbericht ergab, dass er an einer Gasvergiftung verstorben sein soll. Gleichzeitig stellte der Arzt aber auch fest, dass Jakubowski eine  Absinth-Vergiftung erlitten hatte. Der Tote hatte mit seiner Geliebten eine ganze Flasche Absinth geleert. Damals wurde ein Auszubildender der Kloppenburg-Werft beschuldigt, den Mord begangen zu haben.  Ihm war am gleichen Tag von der Werft fristlos gekündigt worden und J. hatte der Kündigung zugestimmt. Im Januar dieses Jahres wurden die Ermittlungen in  dem Fall auf Weisung der Bezirksregierung in Aldera von der Vandenburger Kripo unter Leitung von Kommissar Kammeier am 20. Januar wieder aufgenommen. Die Kripo fand heraus, dass damals eine Geheimorganisation mit dem Namen Omiga 7 ihre Hände im Spiel hatte. Gleichzeitig gab es Vorwürfe, die Kloppenburg-Werft sei von dem Betriebsratsvorsitzenden erpresst worden, weil sie bei der Vergabe eines Auftrags für Fischdampfer Schmiergelder gezahlt haben sollte.
Ein leitender Angestellter soll damals Mitgliedern der Omiga 7 10.000 DM angeboten haben, wenn jemand J. aus dem Wege räumte.

Seitdem die Kripo diesen Fall wieder aufrollt, sind in der Zwischenzeit fünf Verdächtige auf merkwürdige Weise ums Leben gekommen.

Oswald P. verstarb vor kurzem auf natürliche Weise. Otto L. verstarb in einem Pflegeheim an einer Absinth-Vergiftung. Werner B. verstarb ebenfalls an einer Absinth-Vergiftung. Werner P. wurde von seiner Freundin dazu gebracht, sich völlig mit Absinth zu betrinken. Danach flog das Haus durch eine Gasexplosion in die Luft. Eine der beiden hauptverdächtigen Frauen brachte sich am 24. Februar mit einer halben Flasche Absinth um.

Die andere Verdächtige, die mit Günter Jakubowski damals zusammen wohnte und die alle Möglichkeiten hatte, und den Gasherd anzustellen, läuft immer noch frei herum. Diese Lehrerin ist heute mit dem Mann zusammen, der damals beschuldigt wurde, J. ermordet zu haben. Die Kripo ermittelt, aber sie hat keine Beweise, wie sie sagt.

 

Als Kommissar Kammeier an diesem Morgen gegen 9 Uhr ins Büro kam, ging es  ihm nicht gut.
Wir sind hilflos und können nichts tun, und die Presse führt uns vor, sinnierte er.

Der Kommissar wartete nun darauf, dass er zu seinem Chef gerufen wurde. Aber es passierte etwas Anderes. Die Tür ging auf und der  Kollege Sven Vanderbelt, der bei der Spurensicherung eingeteilt war, kam herein  und lachte über und über und winkte mit einem uralten Kontoauszug.

„Charly, schau Dir das an. Wir haben in Penschels Keller- Unterlagen einen Kontoauszug gefunden aus dem hervorgeht, dass er am 16.  Mai 1969, einen Tag nach dem Mord, Ingrid Müller 10.000 DM auf ihr Konto bei der Vandenburger Volksbank überwiesen hat. Wenn das kein Beweis ist.“

 

Simone Schwarzkopf saß da und lachte laut und herzlich.
Kammeier meinte nur:

„Simone, greif Dir den Kontoauszug und besorge uns  einen Haftbefehl und einen Hausdurchsuchungsbefehl für Ingrid Müller. Mach schnell.“

Charly Kammeiers Stimmung war um Meter gestiegen.

 

Zur gleichen Zeit saßen Ingrid Müller und Klaus  Wind in der Wohnung Franz-Kafka-Straße 34 zusammen. Sie hatten sich ein paar Tage Urlaub genommen. Beim späten Frühstück hatte Klaus zu Ingrid gesagt:
„Weißt Du, ich finde es sehr schön mit Dir. Aber der Gedanke, dass Du damals den Jakubowski umgebracht haben könntest, beunruhigt mich. Du willst darüber nicht reden, sagst Du, aber so geht das nicht. Heute Morgen steht es groß in der Zeitung. Man kann zwischen den Zeilen lesen, dass alle glauben, Du seist es gewesen. Nur der Kripo fehlen noch die Beweise. Ich finde, Du solltest endlich etwas dazu sagen.“

Es klingelte an der Wohnungstür.

Kommissar Kammeier und seine Kollegin standen vor der Tür.

„Kommen Sie bitte herein“, sagte die Lehrerin, „ es ist Zeit zu reden.“

Nachdem Klaus Wind Charly Kameier freundlich begrüßt hatte, machte er Kaffee für alle.

Der Kommissar setzte sich entspannt aufs Sofa und meinte zu Ingrid Müller:
„Frau Müller, wir können jetzt beweisen, dass sie einen Tag nach dem Mord an Jaku von Werner Penschel 10.000 DM bekommen haben.“

Ingrid Müller antwortete:
„Ach, es hat ja alles keinen Sinn mehr. Klaus setzt mir schon zu, endlich die Wahrheit zu sagen. Es war damals für mich eine schreckliche Zeit. Ich war als Lehrerin frisch an der ersten Schule angefangen. Das war nicht einfach.  Jaku betrog mich dauernd mit der Nachbarin. Ich hielt das einfach nicht mehr aus. Nebenbei habe ich noch bei Omiga 7 mitgearbeitet. Es ging um Gerechtigkeit und gegen die  Korruption in dieser Stadt. Ich wusste von Jakus Erpressungsgeschichte, und fand es zum Kotzen. Ich fand seine ganze Art inzwischen zum Kotzen. Als ich dann das Angebot bekam, 10.000 DM zu verdienen und ihn aus dem Wege zu räumen, schlug ich zu. Es war wie eine Befreiung, als er da betrunken auf dem Bett lag und ich den Gashahn aufdrehte. Später tat es mir wieder leid. Gott, was hätte da passieren können. Das ganze Haus hätte in die Luft gehen können. Ja, ich habe Jaku umgebracht.“
Sie tranken noch ihren Kaffee aus, dann verhaftete Simone Schwarzkopf  Ingrid Müller. Von draußen wurde die Spurensicherung gerufen.

Als Kommissar Kammeier die Wohnung verließ, wechselte er noch einen längeren Blick mit Klaus Wind. Die beiden kannten sich aus der Zeit von 1969. Kammeier meinte zum Schluss:
„Hattest Du mich auf dem Handy abends spät angerufen und gewarnt?“
Klaus nickte.

Charly Kammeier meinte zum Abschied:
„Tut mir wirklich leid, dass wir euch trennen müssen.“

 

Zum Abendessen gab es bei Kammeiers gebratenen Fisch mit Kartoffelsalat. Danach lag das Essen schwer im Magen und der Kommissar meinte zu seiner Frau Maria:
„Mir liegt das Essen so schwer im Magen. Wollen wir einen Absinth zur Verdauung trinken?“
„Ja“, meinte sie lachend, „aber nur einen.“

 

Copyright Peter Müller, Bremerhaven

seelotse@gmail.com

10.04.2009

 

 

 

 

 

 

 












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